Am Abgrund - Eine Zugfahrt im Hochland von Sri Lanka

16.12.2015 10:56

Der lauwarme Fahrtwind pfeift durch die offene Tür des Zugs. Leichter Regen prasselt mir ins Gesicht. Mit der linken Hand halte ich mich an einem Griff an der Außenwand des Zugs fest. In der rechten Hand halte ich meine Kamera und versuche trotz des Ruckelns halbwegs scharfe Fotos zu machen. Unter mir geht es steil mehrere hundert Meter abwärts, Wolkenschleier ziehen über die Teefelder, auf einigen Gipfeln stehen große Buddha-Figuren und runde Stupas. Und es ist allen Passagieren total egal, dass die Zugtüren offen sind. Bahnfahren in Sri Lanka eben. Hauptsache man kommt voran. 

Am Bahnhof von Nanu Oya in Sri Lanka. Foto: Wolfgang Bürkle

Der Zug bringt mich von Nanu Oya nach Haputale. Er ist gerappelt voll, viele Touristen, viele Einheimische - einen eigenen Sitzplatz kann ich vergessen. Eine russische Touristen beschwert sich lauthals und fuchtelt mit den Händen, bis eine andere Frau ihr genervt Platz macht. An den Gleisen von Nanu Oya sind ein paar Bauarbeiter in Flipflops mit Brecheisen zu Gange, irgendetwas wird noch repariert. Es nieselt ein bisschen. Mit lautem Signalton ruckelt der Zug schließlich mit einer knappen Viertelstunde Verspätung los. Ziemlich flott nimmt er Fahrt auf, ich sehe den Bahnhof verschwinden. Wer jetzt noch keinen Sitzplatz hat, klammert sich an eine Halteschlaufe oder macht es sich irgendwie in den Gängen gemütlich. An den Türen ist viel Platz, alleine schon aufgrund des leichten Regens, der durch den Wind hineinzieht. 

Auf dem Weg nach Haputale in Sri Lanka. Foto: Wolfgang Bürkle

Wir fahren in eine große graue Nebelwand. Entlang der Schienen verleihen Eukalyptusbäume, Rhododendren und Farne der Landschaft eine urzeitliche Erscheinung. Doch mit jedem Kilometer, den wir zurücklegen, ändert sich das Bild. Der hellblaue Zug rattert vorbei an leerstehenden Häusern, in denen schon lange keine Teepflückerinnen mehr wohnen. Dann ein Dorf, Gemüsebeete, schließlich wieder riesige grüne Teefelder, dazwischen ein paar Pflückerinnen in bunten Saris. Urplötzlich hinter einer Kurve auftauchende Tunnels lassen mich an der Zugtür mit dem Kopf zurückzucken. Doch kaum lassen wir den Tunnel hinter uns, strecke ich den Kopf wieder ein wenig raus, zu faszinierend ist das Hochland und das Gefühl, über allem und an allem vorbei zu schweben. 
 
Auf dem Weg nach Haputale in Sri Lanka. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Etwas weiter Richtung Haputale klart das Wetter auf, die Sonne erleuchtet kurzzeitig das Tal und ich kann dutzende Kilometer weit blicken. Kleine Dörfer an den grünen Hängen wirken wie Blumen auf einer Wiese. Doch schon einen Tunnel später verschwindet wieder alles in einer undurchdringlichen Wolkensuppe. Unser Zug bahn sich den Weg entlang mehrerer kleiner Bahnhöfe. An einer Schranke winkt mir ein kleiner Junge auf dem Arm seines Vaters zu, der Schrankenwärter hat sich in seinem winzigen Beton-Häuschen hingefläzt und wartet auf unser Verschwinden. Die russische Touristin fängt schließlich an, sich über das nervige Gerumpel und die Dauer der Fahrt aufzuregen. Draußen sehe ich einen der typischen Hindu-Tempel, verziert mit vielen kleinen Figuren. Ich stelle mir vor, wie die polternde Touristin mit ihrem Armen so schnell herumfuchtelt, dass sie aussieht wie eine blaue, vierarmige Shiva-Statue. 
 
Auf dem Weg nach Haputale in Sri Lanka. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Schließlich wird der Zug langsamer. Mit einem lauten Pfeifen fährt er im hübschen Bahnhof von Haputale ein. Eine kleine Stadt mitten auf einem Berggrat, in 1400 Metern Höhe. Angeblich einer der schönstgelegenen Orte von Sri Lanka, wenn denn die ganzen Wolken nicht wären. Ein paar Meter vom Bahnhof entfernt geht es wieder steil den Berg hinab, Teefelder und bescheidene Behausungen unter mir, die immer wieder in fluffigen Wölkchen verschwinden. Ich hüpfe aus dem Zug, tue es einigen Einheimischen gleich, laufe ein paar Meter die Gleise entlang zurück und folge ihnen hinein in die nächste Nebelwand.
 
Auf dem Weg nach Haputale in Sri Lanka. Foto: Wolfgang Bürkle
 
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