Bayreuth - Wo innere Einkehr im Bombast erfolgt

14.05.2014 13:31

Ich finde Schlösser total toll. Von Heidelberg und Weikersheim über Schwetzingen bis hin zu Neuschwanstein faszinieren mich diese dekadenten Prunkbauten, diese Statussymbole für Könige, Kaiser, Herzöge und Grafen. Sie sind ein Zeichen von Geltungssucht und Angeberei, von Kriegen und Neid - allerdings feiner und edler als trutzige und schützende Burgen. Was heute das Blingbling-Handy oder der fette Porsche sind, waren "damals" eben schwülstige Paläste und üppige Prunkgärten. Die Bevölkerung musste ordentlich dafür Steuern bezahlen, um die pompösen Räume auszugestalten, die Blumenanlagen anzulegen und den dekadenten Lebensstil der Adligen zu ermöglichen. Zur Not wurde eben auch mal das Nachbarland oder die nächstgelegene Grafschaft erobert oder wenigstens geplündert. Bekanntestes Beispiel in Deutschland ist natürlich Schloss Neuschwanstein, auch wenn es gerade mal gut 140 Jahre alt ist - und die Raumausstattung nicht einmal komplett fertig gestellt wurde. 

In Bayreuth, Deutschland. Foto: Wolfgang Bürkle

In und um Bayreuth finden sich ebenfalls einige Schlösser. Zwar nicht die Größten und Schönsten - aber doch nett blinkende Perlen unter den Adelshäusern dieses Landes. Um aber zu einer richtig dicken Perle zu werden, muss ein Schloss schon irgendetwas Besonderes oder Ausgefallenes haben. Im Neuen Schloss mitten in der Innenstadt etwa findet sich ein merkwürdiges Palmenzimmer mit dunkler Nussholzwand und goldenen Drachen an der Decke. Man munkelt, dass sich hier schon die Freimaurer zu geheimen Treffen versammelten. Ein weiteres Zimmer wurde geradezu verschwenderisch zu einer künstlichen Grotte umfunktioniert, die Wände über und über mit Muscheln verziert - einer der Widersprüche im Denken vor gut 300 Jahren. Denn einerseits wollten sich die Adligen einen schlichten Rückzugsraum schaffen, um zu innerer Einkehr zu finden, andererseits wurde die erwünschte Schlichtheit mit viel Geld bezahlt und prunkvoll gestaltet.

Bayreuth ist faszinierend. Ich wollte eigentlich hin, um zu schauen, was es mit diesem Wagner-Mythos auf sich hat. Seine Musik, die Festspiele, sein Name ist durchgehend präsent in der oberfränkischen Stadt. Doch eigentlich muss es heißen: Was wäre Bayreuth ohne Markgräfin Wilhelmine? Denn nur durch das Opernhaus, das sie bauen ließ, entschied sich Wagner überhaupt dazu, Bayreuth zu besuchen. Mit dem bekannten Resultat: Ihm gefiel die Stadt und er ließ auf einem Hügel sein berühmtes Festspielhaus errichten. Auch ein Blick auf die offizielle Webseite der Stadt zeigt, dass Wagner eben nur einen kleinen Teil der Stadt ausmacht. "Festspiel- und Universitätsstadt" nennt sich Bayreuth. Könnte auch Bier-, Schlösser-, Katakomben- oder Gartenstadt heißen.  


In Bayreuth, Deutschland. Foto: Wolfgang Bürkle
Doch zurück zu den Schlössern, denn auch hier spielte Wilhelmine eine nicht zu verachtende Rolle: Auf merkwürdige Art und Weise gleichzeitig bescheiden und doch bombastisch erscheint die Eremitage - idyllisch am äußersten Rand von Bayreuth gelegen. Erst ein weitläufiger Park, dann wundert man sich über eine asiatisch anmutende Pagode auf einem künstlichen Hügel. Was sich dann ein paar Meter weiter auf den ersten Blick als römisch angehauchter Tempel-Bau mit farbig bemalter Wand ausmacht, ist bei näherer Betrachtung ein vollständig mit blauen, roten, gelben Glassteinen und Bergkristallen verzierter Palast - das sogenannte Neue Schloss, von Wilhelmine gebaut, das aber nicht zu verwechseln ist mit dem Neuen Schloss in der Innenstadt. Die Eremitage in ihrer Ganzheit beherbergt zwar keinen riesigen Palast, dafür mehrere kleine Gebäude, die eine erstaunliche Detailverliebtheit offenbaren. Es gibt Brunnenanlagen, verschiedene Grotten und sogar ein auf "alt" getrimmtes Ruinentheater.  


In Bayreuth, Deutschland. Foto: Wolfgang Bürkle
Spaß verstanden die Adligen wohl schon vor 300 Jahren. So ist der offizielle Eingang des Alten Schlosses der Eremitage kein pompöser Aufgang mit großem Flügeltürportal, sondern eine tief gelegene kleine Metalltür in einer Front aus scheinbar naturwüchsigen Felsen. Man muss sich förmlich bücken, Demut zeigen, und kommt dann erst durch einen kleinen dunklen Gang, bis man unvermittelt in einem großen Kuppelraum tritt, der, wie schon am Neuen Schloss gesehen, über und über mit (Glas-) Steinen und Bergkristallen ausgestaltetet ist. Gut 200 versteckte Wasserdüsen konnten den ganzen Grottensaal in einen Wasserspielplatz verwandeln - wohl mitunter zur Überraschung der geladenen Besucher, die unvermittelt nassgespritzt wurden, während der Markgraf von einem Balkon wohl belustigt auf sie herabschaute. Man könnte es auch als rituelle Reinigung sehen, bevor die Gäste ihr gespielt einfaches Eremiten-Leben für kurze Zeit im Schloss aufnahmen.

So grandios wie die Lage von Neuschwanstein ein paar hundert Kilometer entfernt, so verspielt wirkt die Eremitage. Beispiele für Schlösser, die von ihrem Aufbau kaum gegensätzlicher sein könnten. Doch sie vereint die Liebe zum Detail, die Obsession ihrer Schöpfer, etwas Einmaliges zu schaffen. Darum faszinieren sie noch heute: Sie setzen einen extravaganten Kontrapunkt zu seelenlosen Zweckbauten.

Schloss Neuschwanstein bei Füssen, Deutschland. Foto: Wolfgang Bürkle

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