Bei den Derwischen von Omdurman: Paparazzi lauern auch im Sudan

22.03.2017 11:12

Es gibt diese Veranstaltungen auf Reisen, die zwar als "Muss" beschrieben werden, mich aber am Ende mit einem betrübten Gefühl zurücklassen. Eine davon ist die Bullensprung-Zeremonie in Äthiopien, eine andere die Essensprozession buddhistischer Mönche in Mandalay - und nun die Derwisch-Versammlung von Omdurman im Sudan. Alle diese Veranstaltungen beruhen auf Traditionen, wurden über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte zelebriert - und werden mittlerweile immer mehr zu Folklore-Veranstaltungen für neugierige Touristen. Nicht falsch verstehen: auch ich hab diese Spektakel mit Neugier und meiner Kamera begeistert verfolgt - doch wenn Touristen diese Zeremonien für das "beste" Foto stören, für Nahaufnahmen die Intimdistanz der Protagonisten verletzen, oder sich ständig in den Ablauf einmischen, dann geht ein Stück der Tradition verloren.   

Bei den Derwischen von Omdurman im Sudan. Foto: Wolfgang Bürkle
 
In Omdurman begann dies mit einer Video-Drohne, die über unseren Köpfen vor dem Hamad-al-Nil-Mausoleum herumschwirrte. Auf diesem Gelände treffen sich jeden Freitag Anhänger des Sufismus, um bis zum Sonnenuntergang mit Tanz und Gesang Allah näher zu kommen. Also eigentlich eine sehr religiöse Veranstaltung, bei der jedoch Publikum erwünscht und akzeptiert ist. Manch einer verfällt bei dieser auch Dhikr genannten Meditation in Trance, beginnt zu Tanzen oder Herumzuwirbeln. Bevor die Veranstaltung nun an diesem Freitag begonnen hatte, brauste die Drohne über unsere Köpfe hinweg, schwebte blinkend mal hier, mal dort und zeichnete uns auf. Einige der älteren Anwesenden wirkten sichtlich verunsichert, hatten so etwas wohl noch nie gesehen. Plötzlich verschwand das Gerät wieder irgendwo in der Menge, den Besitzer davon konnte ich nicht ausmachen. Zum Glück ließ er sie auch nicht mehr steigen. 
 
Bei den Derwischen von Omdurman im Sudan. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Schließlich begann der gemeinschaftliche Lobgesang auf Allah - und ehe ich mich auch nur in die Richtung drehen konnte, aus der der Gesang kam, hasteten schon einige Fotofanatiker mit ihren Kameras an mir vorbei, um ja jeden Moment davon zu fotografieren oder zu filmen. Die Abgesandten des Sufi-Ordens marschierten mit Fahnen über den Platz zum Mausoleum, flankiert von Paparazzi mit dicken Spiegelreflex-Kameras, ActionCams und Selfie-Sticks. Das geht ja gut los, dachte ich mir - und suchte mir irgendwo am Rand des sich nun bildenden Kreises einen Platz, artig hinter bereits mitsingenden Gläubigen. In der Mitte dieses Kreises allerdings, auf einer Erhebung, sammelte sich eine größere Gruppe weiterer Touristen. Dort drängten sie sich mit ihren klickenden Kameras wie die Fliegen auf einem Scheißhaufen.  
 
Bei den Derwischen von Omdurman im Sudan. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Während der Gesang, untermalt von Trommeln, vor dem Mausoleum langsam anzog, wurde der äußere Menschen-Kreis immer größer, die Gläubigen, die darin liefen, sprangen und tanzten, sangen und schrien, immer schneller, immer lauter. Sie brauchten Platz für ihre Anbetung. Einige zogen Grimassen vor den zu eifrigen Fotografen, andere Knipser liefen kreuz und quer durch den Kreis, behinderten die Derwische, ja forderten sie geradezu dazu auf, sich mehr zu verausgaben. Manche Tänzer hatten ihre Augen geschlossen, ließen sich nicht beirren und verfolgten so ihren individuellen Pfad zu Gott. Ich war froh, dass mich ein Einheimischer im adretten Polo-Shirt an Rande der Menge ansprach, um mit mir über den Sudan, die Freundlichkeit der Menschen und den Islam zu reden. Irgendwann fragte ich ihn, wie er diese nervigen Paparazzi sehe. "Ich lache darüber", antwortete er höflich, allerdings in einem ernsten Ton. Es habe sich schließlich in den letzten Jahren so entwickelt - und die Touristen bringen ja auch Geld. Zwei weitere Männer schlossen sich unserem Gespräch an, wollten mehr über Deutschland, meine Reise im Sudan und mein Verständnis vom Islam wissen. Ich war froh über die Ablenkung, vergaß meinen Ärger und ließ selbst das Fotografieren bleiben. 
 
Erst als uns die Themen ausgingen, wendete ich mich wieder dem Derwisch-Spektakel zu, das schon eine gute Stunde andauerte. Der Himmel war mittlerweile dunkelrot, die Sonne schon fast hinter dem Horizont verschwunden. Nur noch wenige Paparazzi waren jetzt mitten im Trubel unterwegs, die meisten von ihnen hatten sich einen ruhigeren Platz am Rand oder in der Mitte gesucht. Ich war erleichtert, dass diese Foto-Jagd etwas nachgelassen hatte und konnte etwas gelassener der Zeremonie folgen. Der Gesang hatte sich zu einem schnellen rhythmischen "la ilaha illah-llah" entwickelt, einige der Derwische waren in ihrer tanzenden Trance versunken, andere sprangen immer noch um die Erhebung in der Mitte. Viele hatten weiße oder grüne Festgewänder an, manche trugen Anzüge, wieder andere ganz normale Straßenkleidung oder ein Patchwork an Farben und Stoffen. Am Rande des Kreises klatschten und stampften Grüppchen von Kindern und Frauen, von anderen Derwischen und Besuchern.   
 
Bei den Derwischen von Omdurman im Sudan. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Mit einem Mal hörten das Trommeln und der hypnotische Gesang abrupt auf. Die Sonne war endgültig hinter dem Horizont versunken. Die springenden Derwische beruhigten sich, liefen langsam ihre Runden aus. Einige mussten von ihren Freunden scheinbar aufgeweckt werden, andere knieten nieder oder legten sich hin. Ein Paparazzi wischte über den Bildschirm seiner Kamera, sortierte schon einmal Fotos aus. Ein anderer zeigte seine Motive seinen Bekannten. Ich enthielt mich jeglicher Kommentare, verabschiedete mich von meinen Gesprächspartnern und schaute mir, noch ein wenig gedankenverloren und in aller Stille, die unzähligen geschmückten Gräber rund um das Mausoleum an. 
 

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