Cholula in Mexiko - Die Pyramide mit der Kirche drauf

25.02.2014 14:22


Stellt euch vor, man reißt in eurer Stadt eine Kirche ab und baut dann aus den Überresten eine Moschee oder eine Synagoge oder einen buddhistischen Tempel. Eine merkwürdige Vorstellung. Die Bürger würden demonstrieren, protestieren, klagen. Vielleicht käme es sogar zu Ausschreitungen. So etwas Ungeheuerliches dürfe schließlich hier nicht passieren.

Stellt euch vor, ihr reist durch Mexiko. Vielleicht kommt ihr da an der Stadt Cholula im Staat Puebla vorbei und seht dort die hübsche Kirche auf einem Berg. Es ist eine sehr schöne Kirche, die Iglesia de Nuestra Senora de los Remedios, in strahlendem Orange, mit weißen Verschnörkelungen und üppig mit Blattgold verziert. Eine große Plattform umgibt sie auf dem Berg, ein Kreuz und Erzengel sind in Richtung der schneebedeckten Gipfel am Horizont gebaut, direkt an der großen Treppe, die herunter zur Stadt führt. Doch der Berg unter der Kirche ist kein natürlicher Berg, sondern eine mit Erde, Gras, Bäumen und Sträuchern bedeckte Pyramide. Über Jahrhunderte hinweg hatten tausende von Olmeken, Mixteken, Tolteken und Azteken an ihr gebaut, Stein um Stein aufgeschichtet, ein pompöses Bauwerk geschaffen, das bis ins 16. Jahrhundert ein zentraler Pilgerort der Gläubigen war. Dann kamen aber die Spanier, zerstörten die Tempel in der Stadt, auch den Tempel auf der Pyramidenspitze und bauten stattdessen ihre Kirche. Direkt oben drauf, von Weitem sichtbar. Protestierende Bürger gab es nicht mehr in Cholula, die waren bereits getötet.
Die Iglesia de Nuestra Senora de los Remedios in Cholula, Mexiko. Foto: Wolfgang Bürkle

 

Mein Aufenthalt in Cholula beginnt mit dem Besuch des Museums, in dem unter anderem ein Querschnitt des künstlichen Berges gezeigt wird - hier wird deutlich, dass die Pyramide nicht gleich in ihrer vollständigen Größe geplant, sondern mit der Zeit immer wieder überbaut wurde. Die Neugier ruft: Wie groß ist die Pyramide wirklich? Ich laufe um sie herum, erst an dem großen Irrenhaus vorbei, das direkt am Fuß des Berges liegt, sehe dann abgesperrte Gänge, die in dien riesigen Tempel hineinführen, aber derzeit nicht zugänglich sind, kleine Trampelpfade, die nach oben führen. Die Pyramide ist immer noch gewaltig, sie ist vom Volumen her die größte der Welt mit einer Seitenlänge von jeweils gut 440 Metern, aber eben nicht so hoch wie die Cheops-Pyramide. Mittlerweile sieht man rund um den künstlichen Berg die Resultate von Ausgrabungen: Alte Treppen, Altäre und Gräber sind freigelegt, auch ein Teil einer Seite der ursprünglichen Pyramide ist sichtbar. Davor einige Souvenir-Verkäufer, ein Junge sitzt im gelben Kapuzenpulli auf einer Bank, vor ihm mehrere Eimer voll gerösteter Grillen. Mit Knoblauch, Zitrone oder Chili-Aroma? Ein Tütchen ist nicht teuer.

Dann beginnt der Aufstieg über einen breiten gepflasterten Weg. Tatsächlich merkt man dabei kaum, dass hier drunter eine Pyramide ist. Gras und Büsche wuchern vor sich hin. Schließlich kommt eine steinerne Treppe, eine kleine Abkürzung hoch zum Plateau mit der Kirche. Oben angelangt bietet sich mir eine wunderbare Rundumsicht auf die Stadt Cholula, auf die Berge, bis hin zum Popocatepetl, der im Dunst am Horizont verschwindet. Die Dome und Türme der Kirche glitzern im Sonnenlicht, bei einem Kiosk gibt es Souvenirs und was zu trinken. Im Inneren wird gerade ein kleiner Gottesdienst gefeiert, der Pfarrer betet, ein paar Dutzend Gläubige sind darin, sie lassen sich von den vergleichsweise wenigen Touristen, die kurz rein und wieder rausgehen, nicht stören. Irgendwie ist Cholula kein großer Touristenmagnet wie Teotihuacan oder Chichen Itza - vielleicht weil es hier nur die eine große Sehenswürdigkeit gibt. Doch diese ist eben einzigartig auf der Welt. Und so verspüre ich ein merkwürdiges Gefühl, wenn hier in der Kirche die Katholiken zu Gott beten und darunter eine der heiligsten Tempel der Azteken ruht.

Die Iglesia de Nuestra Senora de los Remedios in Cholula, Mexiko. Foto: Wolfgang Bürkle


Die Spanier hatten kein Mitleid mit den Indigenen. Sie zerstörten mit der Eroberung Mittelamerikas bewusst die alten Tempel und bauten auf ihren Ruinen Kirchen, Kapellen und Klöster - sie wollten das Christentum ausbreiten und deutlich machen, dass die alten Götter die Ureinwohner verlassen hatten. Nach dem Massaker von Cholula im Jahr 1519 etwa soll Hernan Cortez befohlen haben, auf allen zerstörten Tempeln der Stadt - angeblich 365 - christliche Bauten zu errichten. Über die Frage, ob die Spanier von der zu diesem Zeitpunkt vermutlich zugewucherten Pyramide überhaupt wussten, wird heute noch diskutiert.

Die Quellen sind zwiegespalten: Einige behaupten, dass die Spanier nicht erkannt hatten, dass der Hügel, der vermutlich ein wenig zugewuchert war, eine Pyramide war (z.B. der Lonely Planet). Andere sagen, die Spanier hätten auch einen Teil der Pyramide zerstört - zumindest jedoch den Tempel auf der Pyramidenspitze, der dem gefiederten Schlangengott Quetzalcoatl gewidmet war. Und auch Bernal Diaz del Castillo soll schon 1519 über den riesigen Tempel berichtet haben. Auf jeden Fall gab es 1519 ein Massaker in der Stadt, bei dem die Spanier rund ein Zehntel der Bevölkerung, vermutlich bis zu 6000 Menschen, töteten. Einige Berichte vermuten, dass die Bewohner von Cholula ihre Pyramide vor der Zerstörung der Spanier schützen wollten und diese deswegen bewusst mit Erde zuschütteten und bepflanzten. Francisco Lopez de Gomara, Cortez' Sekretär, berichtet sogar, dass eine direkte Attacke auf die Verteidiger der Hauptpyramide erfolgte. Und spätestens, als die Spanier 1574 die Fundamente der Iglesia de Nuestra Senora de los Remedios bauten, wären sie auf die behauenen Steine der Pyramide gestoßen.

Auch Alexander von Humboldt besuchte 1804 Cholula und berichtete von Behauptungen, dass direkt in der großen Pyramide 10.000 Menschen versteckt wurden, die von Hernan Cortez entdeckt und getötet wurden. In Humboldts Buch "Vues des Cordillères: et Monumens des Peuples Indigènes de l’Amérique" gibt es zudem eine Skizze der Pyramide, in der die vier gemauerten Abstufungen deutlich zu sehen sind - und darauf die Kirche.
Die Iglesia de Nuestra Senora de los Remedios in Cholula, Mexiko. Foto: Wolfgang Bürkle

 

Cholula als Pilgerziel ist immer noch beliebt - sowohl von Katholiken als auch von Indigenen. So werden etwa regelmäßig christliche Prozessionen für die Jungfrau der ewigen Hilfe (Remedios) sowie das Quetzalcoatl-Ritual bei der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche gefeiert. Für manche Indigenen allerdings erscheint die Kirche eher wie ein Krebsgeschwür auf ihrem Heiligtum, verbunden mit der Botschaft "wir haben euch besiegt".

Mein Besuch bei der Pyramide von Cholula ist nur kurz, denn nach dem Abstieg vom Kirchenplateau geht es direkt weiter nach Puebla. Doch das Kopfschütteln über dieses Bauwerk begleitet mich noch lange. Einerseits das Entsetzen darüber, wie die spanischen Eroberer mit dem Erbe der Azteken umgingen. Andererseits fasziniert die Vorstellung, dass in diesem Hügel eine noch in vielen Teilen unerforschte Pyramide ruht. Eines der gewaltigsten Heiligtümer aller Zeiten schlummert friedlich unter der Erde.

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Besucht im November 2010.


Quellen:
- Geoffrey McCafferty: The Cholula Massacre: Factional Histories and Archaeology of the Spanish Conquest. http://arky.ucalgary.ca/mccafferty/sites/arky.ucalgary.ca.mccafferty/files/CholulaMassacre_2000.pdf


- Wulf Oesterreicher: Das Massaker von Cholula, Mexiko, 1519: Ein Ereignis - unterschiedlicher Darstellung. (1995)
 
- Lonely Planet Mexico. Ausgabe 2008
 
- Cholula: Die älteste Stadt Mexikos. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/cholula-die-aelteste-stadt-mexikos-a-209871.html
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