Das echte Dach der Erde: Am Chimborazo in Ecuador

15.11.2016 11:49

Der Druck im Kopf steigt mit jedem Meter, die Lunge schmerzt beim Einatmen, die Beine sind unendlich schwer. Ich schleppe mich vorwärts, langsam, immer weiter, immer höher. Alle paar Schritte bleibe ich stehen. Ich schaue nach vorne, luge unter dem Rand meiner Basecap heraus. Vor mir liegt der schneebedeckte Gipfel des Chimborazo, mit 6268 (nach alten Messungen 6310) Metern der höchste Berg von Ecuador - und eigentlich die höchste Erhebung der Erde. Denn dank der ungleichen Form unseres Planeten ist die Spitze des Chimborazo weiter vom Erdmittelpunkt entfernt, als die Spitze des Mount Everest. Man könnte auch sagen: Der Chimborazo ist der Punkt auf der Erde, der der Sonne am nächsten kommt.  

Der Chimborazo-Vulkan in Ecuador. Foto: Wolfgang Bürkle

Zum Gipfel allerdings gehe ich heute nicht. Die Hütte auf 5041 Metern (das Refugio Whymper) wird reichen und auch der Startpunkt für meinen Weg lag gerade mal 200 Höhenmeter niedriger, bei einer weiteren Hütte (Refugio Carrel), bis zu der noch Fahrzeuge hochfahren können. Also eigentlich nur ein winziger Spaziergang. Mal kurz die Beine vertreten. Doch natürlich täuschen in dieser Höhe die Distanzen - und die zu erwartende Anstrengung. Schnell geht hier gar nichts und wer mal kurz Sprinten will, ist nach wenigen Schritten am Ende seiner Kräfte. Langsam und ohne Eile geht es besser. Und auch wer den eigentlichen Gipfel des Chimborazo besteigen will, muss sich mehrere Tage lang in dieser Höhe akklimatisieren.  

Der Chimborazo-Vulkan in Ecuador. Foto: Wolfgang Bürkle

Das Wetter ist heute perfekt, nur wenige Wolken sind am Himmel, der Wind hält sich in Grenzen. Ich kann die niedrigeren Berge am Horizont ausmachen, eine ganze Reihe von ihnen, über die langsam weitere Wolken ziehen. Eine einmalige Aussicht auf die "Straße der Vulkane" zwischen Ecuadors Hauptstadt Quito und Cuenca. Um mich herum ist alles voller Geröll und Steine in allen möglichen Größen und Formen. Am Anfang des Weges wurde ein markantes pyramidenförmiges Denkmal errichtet, daneben sind Grabsteine von Menschen, die auf dem Weg zum oder vom Gipfel umgekommen sind. Teilweise junge Leute, erst vor wenigen Jahren gestorben. Sie haben den Kampf gegen Höhe, gegen Schneelawinen und Geröll verloren. Vor einem Grab wurde eine bunte Blume befestigt. Sie sticht aus dem rötlichen Grau der Landschaft heraus. 

Der Chimborazo-Vulkan in Ecuador. Foto: Wolfgang Bürkle

 
Ein paar grüne Pflanzen wachsen hier noch, sie dienen den schnuckeligen Vikunjas, die sich auf dieser Höhe sichtlich wohl fühlen, als Nahrung. Die scheuen Alpaka-ähnlichen Tiere wurden von der Regierung hierher gebracht - zur Arterhaltung und vermutlich wohl auch, damit das Anden-Feeling stimmt. Für ein Foto aus nächster Nähe heißt es Geduld aufbringen, denn sie zeigen mir lieber ihren haarigen Hintern als ihr putziges Lächeln. Der lange Hals beschäftigt sich entweder mit der Suche nach Essbarem auf dem Boden oder der Ausschau nach Kameras, die zu nahe kommen könnten. Irgendwann, nachdem ich lange genug still gehalten habe, gelingt ein passables Foto. Mit solchen Problemen wird sich Alexander von Humboldt kaum geplagt haben. Als der Entdecker hier 1802 herum lief, gab es noch keine Fotografie - er hielt den Chimborazo in Worten und Skizzen fest. 
 
Aussicht vom Chimborazo-Vulkan in Ecuador. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Der kurze Weg zum Refugio Whymper ist wenig abwechslungsreich. Ein paar Serpentinen nach oben, das Geröll überall, der hohe Gipfel vor mir, die weite Bergkette hinter mir. Der Weg ist definitiv nicht das Ziel. Die Hütte erreiche ich schließlich nach 40 Minuten langsamem Gehen. Andere schaffen es in 30 Minuten, manche brauchen eine knappe Stunde für die 200 Höhenmeter. Am Refugio Whymper muss ich mich erst einmal auf einen Stein setzen und tief durchatmen, so stoßartig es in dieser Höhe eben geht. Dann, nach den obligatorischen Fotos, ein paar Schlucke Wasser und ein kleiner Gipfelschnaps. In der Hütte gibt es Tee und Kakao. Aus Neugier werfe ich dort GPS und Höhenmesser auf meinem Handy an - es schlägt 5063 Meter vor. Definitiv über 5000 Meter also. Irgendwie muss ich grinsen - denn ich sitze eigentlich recht gemütlich hier in einer Höhe, die weiter vom Erdmittelpunkt entfernt ist, als der Gipfel des Mount Everest. 
 
Der Chimborazo-Vulkan in Ecuador. Foto: Wolfgang Bürkle
 

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