Das Vermächtnis von Robert Burns - Unterwegs in Dumfries in Schottland

22.08.2016 11:59

Vielleicht wäre er heute ein Popstar. Einer von der Sorte, die immer betrunken auftritt, die das Leben genießt, sich ihrer Kunst hingibt. Robert Burns würde sich jeden Tag die Kante geben, dabei philosophieren und irgendwie das Ganze dann zu einem Gedicht oder Lied umformulieren. Er würde damit eigentlich dasselbe machen, wie zu der Zeit, als er lebte, am Ende des 18. Jahrhunderts. Damals starb er mit 37 Jahren - eine Infektion raffte ihn dahin, den Mann, der auch ein grandioser Trinker und ein umtriebiger Liebhaber war. Würde er heute leben, er würde sich vermutlich einreihen in die zu früh verstorbenen Legenden um Amy Winehouse, Heath Ledger, Jim Morrison oder Janis Joplin. 

Unterwegs in Dumfries in Schottland. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Robert Burns war schon zu seiner Zeit ein kleiner Star. Zumindest kannte auch da so ziemlich jeder Schotte seine Werke, die er bei Lesungen, auch in Kneipen, zum Besten gab. Er schrieb bodenständige Lieder für die einfachen Menschen, über die Frauen, die er liebte, für sein Land und seine Heimat. Er brachte erhabene Gedichte mit Pathos zu Papier, aber genauso Trinklieder und humoristische Verse. Verständlich für jeden Bürger, ganz "down to earth" - und dafür lieben ihn die Schotten noch heute. "Auld Lang Syne" etwa stammt von Burns. Seine Gedichte sind mittlerweile Allgemeingut geworden, bei Youtube finden sich tausende Künstler, von den Toten Hosen bis zu Rod Stewart, die ihm huldigen und sein Werk singen.  
 
Die Stadt Dumfries, im Südwesten von Schottland, setzt voll auf den Mythos Robert Burns. Hier lebte und soff er, hier starb er, hier wurde er begraben. Und in der ganzen Stadt sind Bilder mit seinem Antlitz zu sehen, auf Steinen und an Hausmauern sind seine Gedichte verewigt. Seine Statue steht vor der Greyfriars Kirk, die seiner Frau Jean Armour vor einer anderen. Ein eigenes Mausoleum wurde für ihn errichtet, seine Gebeine Jahre nach seinem Tod von einem unscheinbaren Grab entfernt und dorthin umgebettet. Natürlich gibt es auch ein eigenes Robert Burns Centre mit Memorabilia und noch mehr Infos. Selbst in den Gotteshäusern ist sein Abbild in bunten Bildern und Büsten allgegenwärtig.
 
Unterwegs in Dumfries in Schottland. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Als ich in die Kirche St. Michaels hineingehen will, springen im Vorraum zwei Senioren geradezu erschrocken auf und begrüßen mich überschwänglich. Nicht viele Touristen kommen hierher, denn so ganz ein "Magnet" ist der Dichter offenbar nur für verschrobene Literaturwissenschaftler. Einer der beiden Senioren erzählt mir nach der anfänglichen Überraschung freudestrahlend von der Historie der Kirche, dem gelebten Andenken an Burns, drückt mir einen Zettel mit Informationen (sogar auf Deutsch) in die Hand und möchte jede Frage beantworten, die ich habe. Verwundert gehe ich durch das Gebäude, in dem Jesus offenbar nur eine untergeordnete Rolle spielt. An einer Säule hängt sogar ein Schild, wo Burns mit seiner Familie im Gottesdienst regelmäßig saß. 
 
Unterwegs in Dumfries in Schottland. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Sein einstiges Wohnhaus liegt nur wenige Fußschritte entfernt in einer Nebengasse - und die Stadt verlangt noch nicht einmal Eintritt für dieses kleine Museum. Ich bin an diesem Nachmittag offenbar der einzige Besucher - und treffe auf zwei erfreute Angestellte, die über meine Anwesenheit aber dennoch etwas erstaunt sind. Ein weiterer Beweis dafür, dass die Faszination um Robert Burns definitiv abgeebbt ist. Kaum jemand scheint sich außerhalb von Schottland noch für das Erbe des Dichters zu interessieren. Umso begeisterter hält mir einer der Angestellten erst ungefragt einen halben Vortrag über das Haus, dann bietet er mir noch an, extra das Mausoleum am Friedhof aufzuschließen, für das er persönlich den Schlüssel hat. Ich lehne dankend ab, wohl wissend, dass er am Ende eh nichts anderes an diesem Tag zu tun hätte - und mir wohl stundenlang Burns' Gedichte ins Ohr drücken würde.
 
Unterwegs in Dumfries in Schottland. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Am Abend gehe ich in den Pub "The Globe", eine weitere Pilgerstätte für Dichter-Fans. Sie ist in einer kleinen Nebengasse mitten in der ansonsten unscheinbaren Innenstadt. In der Kneipe, in der Burns Stammgast war, sind nur wenige Menschen - ich bekomme prompt und freundlich ein Cider gereicht. Auf die Frage, wo denn Burns' Stammplatz war, gibt es allerdings nur ein schelmisches Achselzucken und die Auskunft: "Everywhere". An der Theke jedenfalls scheint es gemütlich zu sein, im großen Gastraum selbst warten harte Bänke und kalte Halogenleuchten. An den Wänden viele alte Stadtansichten und - natürlich - Porträts von Burns. Irgendwann holt die Barkeeperin ihre Geige heraus, fängt mit einigen weitere Stammgästen an zu musizieren und zu singen. Ale, Cider und die Stimmen werden erhoben, der Geist des Dichters lebt auf. Die Verbindung von Alkohol und Gesang holt ihn zurück aus der Vergänglichkeit.  

O gude ale comes and gude ale goes;
Gude ale gars me sell my hose,
Sell my hose, and pawn my shoon -
Gude ale keeps my heart aboon!
 
Unterwegs in Dumfries in Schottland. Foto: Wolfgang Bürkle
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