Die Einsamkeit der Wüste - am Jebel Barkal im Sudan

12.04.2017 11:26

Bei den Pyramiden am Jebel Barkal im Sudan. Foto: Wolfgang Bürkle

Wenn du die Wüste betrittst, egal ob zum ersten oder zum zehnten Mal, spürst du die Stille. Eine unheimliche Stille, die nur hier und da durch leichten Wind unterbrochen wird. Du erlebst diese Einsamkeit, die dich alles vergessen lassen will, wo dein Hirn leer wird, du nur den eigenen Atem und Herzschlag wahrnimmst. Dann kommt da dieser unglaublich tiefblaue Himmel über dir dazu, gegen den alle anderen, die du je gesehen hast, wie ein halbherziger, blasser Versuch wirken. Und selbst wenn das Tageslicht schwindet und der Himmel voller Sterne ist, wirkt er trotzdem nicht schwarz, sondern wie das dunkelste Blau, wie in den Tiefen des Ozeans, gesprenkelt von Abermillionen kleinen Lichtern. Wenn du nur lange genug schaust, verlierst du dich in dieser kosmischen Einsamkeit. 

Bei den Pyramiden am Jebel Barkal im Sudan. Foto: Wolfgang Bürkle

 
Ich bin zu den Pyramiden am Jebel Barkal gelaufen, an diesem heiligen Berg im Norden des Sudan. Wie so oft in diesem Land, das auf dem touristischen Menü nur ganz unten am Rande erscheint, ist außer mir niemand sonst an diesen beeindruckenden Bauwerken nahe des Nils unterwegs. Der Fußweg war nicht weit: eine knappe halbe Stunde von meiner Unterkunft in Karima. Einmal halb um den Jebel Barkal herum, durch 3500 Jahre alte Tempelruinen hindurch, zur Westseite, wo eine Handvoll Pyramiden stehen, die einst zur nubischen Stadt Napata gehörten. Hier genieße ich die Stille der Wüste und den Ausblick auf den Tafelberg, auf dem einst der Gott Amun gelebt haben soll. Oben drauf tummeln sich ein paar Leute, sie wollen wohl den Sonnenuntergang beobachten. Aber da ich schon vor ein paar Tagen den Hügel erklommen hatte, spare ich mir das heute. Oben ist der Wind stark, hier unten ist Stille. Und die Einsamkeit der Wüste. 
 
Bei den Pyramiden am Jebel Barkal im Sudan. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Die Pyramiden sind nicht die allerschönsten. Bei einigen sind die Seiten eingestürzt, andere wurden notdürftig repariert. Manche sind fast vollständig von Sand bedeckt. Nur wenige ragen stolz und steil gen Himmel. Sie stehen hier als imposante Monumente einer längst vergangenen Zeit. Die langsam sinkende Sonne lässt sie lange Schatten werfen. Ich schlendere zwischen den Pyramiden hindurch, wie ein einsamer Abenteurer fernab jeder Zivilisation. Ohne Stress, ohne Zeitdruck. Der Sand knirscht unter meinen Sandalen, doch meine Spuren sind nur kurz sichtbar, wenige Momente später schon dahingeweht. Ich überlege, welchen Winkel der Pyramiden ich noch fotografieren könnte, welche Ansicht vielleicht noch interessant ist. Und ich grübele nach, wer hier begraben wurde, wieviele Menschen dafür schufteten und wie es hier wohl vor 2000 Jahren aussah. Fragen, die mir auch der Reiseführer nicht befriedigend beantworten kann - denn lediglich der Name von einer Königin konnte bislang identifiziert werden.   
 
Bei den Pyramiden am Jebel Barkal im Sudan. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Irgendwann setze ich mich auf ein Stückchen von einem Mauerrest und schaue einfach nur. Ich beobachte den wehenden Sand, die Menschen auf dem Berg, die langsam ziehenden Wolken. Auf einmal fährt ein Jeep vorbei, schüttelt ein paar Menschen heraus, die Fotos machen und nach wenigen Momenten wieder einsteigen. Hetze kann es auch hier geben - oder vielleicht wollten sie nur noch einmal den kurzen Blick auf das Ensemble aus Berg, Monumenten und Landschaft genießen. Schließlich lässt die Wüste dich nicht unberührt. Du lässt einen Teil von dir dort und nimmst etwas ganz anderes mit. Man kann es nicht mit Worten beschreiben, aber wer einmal die Wüste erlebt hat, wird sich immer wieder nach dieser Leere und Einsamkeit sehnen. Ein Ort der Meditation in der freien Natur.  
 
Bei den Pyramiden am Jebel Barkal im Sudan. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Schließlich raffe ich mich auch wieder auf, denn ich muss ja zurück zur Unterkunft, wieder um den Jebel Barkal herum. Der Magen grummelt schon, das Laufen und die Leere haben sich auf ihn ausgewirkt. Die Sonne senkt sich zwischen den Spitzen der Pyramiden hinab, färbt den Sand erst orange, dann rot und lila. Bevor es ganz dunkel wird, muss ich hier weg sein, denn Licht gibt es auf der Pyramidenseite des Berges nicht - nur die Sterne alleine könnten mir dann noch den Weg aus dieser Einsamkeit zeigen, in der man sich so einfach verlieren könnte. 

 

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