Die Welt und ich: Warum Selfies zum Reisen gehören

09.10.2014 16:17

Das bin ich. Und das auch. Und hier, das bin ich auch. Einmal vor dem Taj Mahal, da vor Machu Picchu, dort in Petra, hier am Ende der Welt. Einfach nur ich vor irgendeiner Sehenswürdigkeit. Die Posen immer ähnlich: mal die Arme verschränkt, mal die Hände in den Hosentaschen, mal mit dem Victory-Zeichen. Manchmal mit Hut oder Sonnenbrille, auf anderen Fotos mit Trekkingsandalen oder Sneakers. Und immer mit einem dicken Grinsen im Gesicht. Na so ein selbstverliebter Gockel.


Selfies, aus der eigenen Hand geknipst, sind das eigentlich nicht. Kein Duckface, kein Schlafzimmerblick, kein unscharfes Schummerlicht, kein Unterarm, der aus dem Bild reicht. Ganz klar: Entweder war jemand dabei, der mich geknipst hat, oder ich habe den Selbstauslöser bemüht. Aus sozialpsychologischer Sicht heißt es bei solchen Aufnahmen: So wollen wir von anderen wahrgenommen werden, so würde ich meine Rolle definieren. Ich betreibe "Impression Management". Ich will also, dass Leute denken, ich wär der Typ, der ständig im Urlaub ist. Könnte schlimmer sein. Aber man darf nicht vergessen: Das Grinsen und die Posen verraten eine gewisse Form der ironischen Selbstdistanzierung. Also finde ich es offensichtlich schon geil, hier zu stehen und geknipst zu werden. Und am besten sollen alle es mitbekommen. Aber natürlich nicht so wie bei der exzessiven Selbstsucht einer Kim Kardashian. 

 


Eigentlich geht es mir in dem Moment des jeweiligen Fotos (manchmal sind es auch "richtige" Selfies aus der eigenen Hand) aber nicht um einen potenziellen Zuschauer, eine bestimmte Zielgruppe. Zuallererst will ich mit diesen Selbstporträts vielmehr den Augenblick festhalten. Den Augenblick vor einer Sehenswürdigkeiten, einer außergewöhnlichen Kulisse in einem bestimmten Moment zu stehen. Für mich bedeutet das Erinnerung - und nur nebenbei ein kleines bisschen Statistik: Wieder ein Land, eine Stadt abgehakt. Hauptsächlich zählen jedoch: Ich und die geile Szenerie hinter mir. Wenn ich wieder zuhause bin, schaue ich mir das an, erinnere mich an den Moment und denke: Stark, da war ich. Ein paar Jahre später schaue ich mir das Foto vielleicht mal wieder an. Und die Erinnerung kommt zurück.

Nicht immer war ich in diesen Augenblicken trotz des Grinsens gut gelaunt. Manchmal war ich schon genervt, weil erst noch andere Menschen aus dem Motiv verscheucht werden mussten. Oder weil der Fotograf den Knopf nicht auf Anhieb gefunden hat. Manchmal war mir kalt oder heiß. Manchmal hatte ich Durst oder vielleicht eine Erkältung. Oder ich war total müde, weil ich abends noch unterwegs war und morgens früh raus musste. Dennoch muss die Situation in möglicher Perfektion festgehalten werden. Ja, es steckt eine gewisse Inszenierung dahinter. Aber keine, an die ich mehr Energie verschwenden würde, als ein paar Sätze zu sagen, oder selbst die Kamera richtig zu positionieren. 

Vor einer Jurte in Usbekistan. Foto: Wolfgang Bürkle

Manche Reisenden legen keinen Wert auf diese Selbstinszenierung. Wenn sie fotografieren, dann nur die Sehenswürdigkeiten oder das Essen, die Hotelzimmer oder irgendwelche Blumen und Tiere. Sich selbst wollen sie nicht auf den Bildern verewigen. "Ich seh mich doch jeden Tag im Spiegel", heißt es dann. Oder "ich bin nicht so fotogen". Die eingebildeten Knipser sagen zudem: "Ich will das Motiv für sich selbst stehen lassen." Eine Argumentation spare ich mir dann, schließlich gibt es von den meisten Sehenswürdigkeiten sowieso schon unzählige Fotos im Internet ohne persönlichen Bezug. Und ich mache ja eh auch immer noch Fotos ohne mich drauf - die Speicherkarten sind heute groß genug.

Interessant wird es natürlich, wenn man sich die Zusammenstellung der "Selbstbildnisse" zusammengeschnitten im Video ansieht. 200 Fotos in 75 Sekunden. 18 Jahre und viele Reisen auf einen winzigen Zeitraum komprimiert. Ich sehe mich selbst rasend schnell altern, das Gesicht wird etwas breiter und (manchmal mehr, manchmal weniger) bärtiger. Die Brillen, die Klamotten und die Frisur ändern sich. Und im Hintergrund rast die Welt vorbei, wie in einer Zeitmaschine. Zu jedem Foto könnte ich mehrere Sätze oder ganze Anekdoten erzählen. Aber so muss der Bruchteil einer Sekunde reichen, um mich in den Vordergrund zu stellen und die Sehenswürdigkeiten dieser Welt in den Hintergrund geraten zu lassen. Mein Ego ist hier das Zentrum der Welt - und alles Beständige auf der Erde wird nur zu einem flüchtigen Augenblick. 

In Angkor Wat, Kambodscha. Foto: Wolfgang Bürkle

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