Eiswaffeln statt Scheißwaffen: Macht Urlaub, keinen Krieg

20.08.2014 16:18

Ich hasse Krieg. Denn das kann einem durchaus die Urlaubsplanung vermiesen. Nicht falsch verstehen: Viel beschissener am Krieg sind die Toten und Verstümmelten, die Zerstörung, der Hass und die Vergewaltigungen, von dem Leid mal ganz abgesehen. Aber seien wir ehrlich: Das scheint den meisten Menschen egal zu sein. "Ist ja irgendwo weit weg", heißt es da. Da regt man sich lieber über den aktuellen Fußballtransfer des Lieblingsvereins auf, anstatt sich darüber zu echauffieren, dass sich im Südsudan die Dinka und die Nuer bekriegen. Die vielleicht 400.000 Euro für einen neuen Stürmer oder Verteidiger sind wesentlich relevanter, als irgendwelche 400.000 hungernden Flüchtlinge. Da sind wir schon abgestumpft, alleine aufgrund der Masse an Kriegen und der Berichterstattung darüber. 

Ukraine, Syrien, Israel oder Irak, die sind ja wenigstens noch ein bisschen im Blickfeld. Aber bei den anderen blickt ja keiner mehr durch. Achja, schuldig sind (wenn man unzähligen Internet-Trollen glauben will) eh immer die Amis, die Russen, die Islamisten, die Nato, die Waffenlobby oder Gott. Die einen rufen "Inshallah", die anderen "If God wills it", die dritten "Ich will es so".  

Ein Panzer in Vietnam. Foto: Wolfgang Bürkle

Doch zurück zur vermiesten Urlaubsplanung und -erinnerung: Es verschreckt mich, wenn ich die Zerstörungen eines Krieges sehe. Die Bibliothek in Timbuktu etwa, die Buddha-Statuen von Bamiyan, der Souk von Aleppo. Alle wurden Opfer der kriegerischen Auseinandersetzungen in den jeweiligen Ländern. Vor allem trifft es mich jedesmal, wenn es um Länder geht, die ich schon besucht habe. Syrien etwa: Im Herbst 2008 war ich dort, erlebte die freundlichen Menschen in Damaskus, die beeindruckenden Ruinen von Palmyra, die Kreuzritterburg Krak des Chevaliers. Jetzt lese ich alle paar Wochen etwas über neue Zerstörungen, Tote, Schusswechsel in alten Ruinen, die Unesco-Weltkulturerbestätten sind in Gefahr. Idioten gibt es leider überall. Aufklärende und einordnende Menschen wie Peter Scholl-Latour (möge er in "Frieden" ruhen) leider viel zu selten.

Wenn ich eine Reise plane, spielt die Sicherheitslage mittlerweile eine gewisse Rolle. Ein Besuch in Mali oder im Irak ist derzeit zwar nicht unmöglich, aber doch eher ungünstig. Demnach stehen die beiden Länder nicht auf meiner aktuellen "Must-See"-Liste. Manchmal werden auch vermeintlich sichere Länder in kurzer Zeit zu einem Konfliktherd: Ich hatte mal eine Reise in den Libanon geplant, die kurzfristig wegen des damals entflammenden Syrien-Konflikts abgesagt werden musste. Schade drum. In Kamerun, ein paar Jahre später, konnte ich den Norden nicht bereisen, da kurz vorher dort Franzosen von Islamisten entführt wurden. Also veränderten wir die Route: Und der Süden und der Westen waren dann ein paar Tage länger sehr schön.

Ein Mosaik im Iran. Foto: Wolfgang Bürkle

Ich finde es traurig aber auch spannend, die aktuellen Konflikte in Afrika und dem Mittleren Osten zu beobachten - denn wenn es nicht gerade um die Gier nach Land oder Bodenschätzen geht, geht es hier immer stärker um Religion. Die Religion als der Auslöser (oder Vorwand), um sich gegenüber Andersgläubigen zu positionieren, diese zu bekämpfen und zu unterdrücken. Ich sehe kein Ende dieser Glaubenskonflikte, nicht zuletzt, weil durch die immer weitergehende Bewaffnung aller Beteiligten mal wieder ein Teufelskreis vorangetrieben wird. Eine gewisse Notwendigkeit, den brutalen Waffenterror im Irak nun mit ebensolchen Waffen zu bekämpfen, mag ja aktuell sinnvoll sein. Aber das Problem liegt doch im Hintergrund: IS-Milizen setzen amerikanische und deutsche Waffen - die sie vor Ort in Syrien und im Irak erbeutet (z.B. deutsche Kampfhubschrauber), in "dunklen Kanälen" gekauft, oder von Saudi-Arabien vermittelt bekommen haben - gegen immer mehr amerikanische und deutsche Waffen ein. 

Schließlich sind die IS-Terroristen ein Teil des anti-schiitischen Jihads im Irak und Syrien, der von Saudi-Arabien unterstützt wurde, bzw. wird. Und Saudi-Arabien ist de facto ein Hauptabnehmer deutscher Waffen (siehe Quellen). Ein interessanter Zusammenhang, der eben die Frage aufwirft, ob in der Vergangenheit deutsche Waffen indirekt über das sunnitische Königreich an IS-Terroristen und andere Gruppen geliefert wurden. Der Export von Handfeuerwaffen aus Deutschland boomt schließlich in den vergangenen Jahren - und dank lizenzierter Nachbauten werden Waffen nach deutschem Vorbild unter anderem in Saudi-Arabien gebaut (ebenfalls: siehe Quellen). Doch anscheinend konnte selbst die Regierung dort nicht vorhersehen, dass sich der Hass von IS jetzt auch gegen das eigene Königshaus richtet.

Die allgemeine Hochrüstung ähnelt dem Kalten Krieg zwischen USA und UDSSR. Wir haben gesehen: Gewonnen hat keiner von Beiden. Der Slogan "Make love, not war" hat nicht gefruchtet. "Bumsen statt Bomben" klingt in Anbetracht von Massenvergewaltigungen nur noch zynisch. Ob Juden, Sunniten, Schiiten, Christen, Hinduisten oder die Jedi-Ritter in naher Zukunft siegen, ist genauso zweifelhaft. Vielleicht müssen wir auch dankbar dafür sein, dass durch Kriegsflüchtlinge die Globalisierung und die Völkervermischung überall voranschreiten. Die Waffenlobby scheint darauf zu hoffen, dass sich die ganzen Idioten in den Kriegsgebieten weiter gegenseitig massakrieren. Doch was ist danach, wenn alle tot sind? Und die Frage, die derzeit nur am Rande aufbrandet: Was kann den Kriegen entgegenwirken? Am Ende nur utopische Ideen: Friedensdienste verstärken, Waffenlieferungen (und -produktion) verbieten, Aufbauhilfe leisten, Gespräche führen, Aufklären.

Alte Waffen aus dem Krieg in Laos. Foto: Wolfgang Bürkle

Einen guten Aspekt hat allerdings jeder Krieg - und zwar den Zeitpunkt, wenn er vorbei ist. Wenn noch etwas vom Land übrig ist, kommen der Tourismus früher oder später ins Laufen, die ersten neugierigen Expats und Backpacker tröpfeln nach und nach herein, interessieren sich für ein früheres Krisengebiet. Dann kommt man sich vor wie ein Entdecker, berichtet anderen davon, lockt diese an. Die Devisen aus dem Ausland helfen beim Aufbau der Infrastruktur, beim Renovieren von Kirchen, Wahrzeichen und Ruinen. Dennoch würde ich auf Kriegsdenkmäler und -überreste liebend gerne verzichten: etwa die Killing Fields von Kambodscha, Fort Vaux bei Verdun oder die Cu-Chi-Tunnel von Vietnam. Auf den einst blutgetränkten Feldern von Ruanda wachsen nun Bäume und Maniok. In Laos werden die amerikanischen Raketenhülsen als Blumenkübeln und Möbel verwendet. Und nicht zuletzt: Soldaten und Flüchtlinge werden zu Reiseleitern, zu Busfahrern und Souvenirverkäufern. Ob die Milizen im Irak auch eines Tages uns Deutsche durch ihr Land führen und von den Gräueltaten von 2014 berichten? 

Die Geschichte hat eins gelehrt: Jeder Krieg ist irgendwann zu Ende. Und spätestens dann kann eine touristische Reiseplanung beginnen. Ich freue mich darauf, eines Tages unbehelligt durch Bagdad, Kabul oder Tripolis zu laufen und dort glückliche Menschen zu sehen. Ich freue mich auf fröhliche Christen und Muslime in Nigeria, die friedlich miteinander leben. Und ich freue mich darauf, eine üppig gefüllte Eiswaffel auf der Promenade von Sewastopol zu essen, ohne eine Scheißwaffe zu sehen. Darum meine hoffnungsvolle (wenn auch scheinbar weltfremde) Aufforderung: Macht Urlaub, keinen Krieg.

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Quellen:
- "Kleinwaffen aus Deutschland, beliebt und tödlich", Zeit Online, 31.5.2013
- "Saudi-Arabien ist Hauptabnehmer deutscher Waffen", Handelsblatt, 18.11.2013
- "Deutsche Kleinwaffen erzielen Verkaufsrekord", Zeit Online, 9.5.2014
- "Iraq crisis: How Saudi Arabia helped Isis take over the north of the country", The Independent, 13.7.2014
- "Saudi Funding of ISIS", The Washington Institute, Policywatch 2275, 23.6.2014
- "Terror in Syrien und im Irak - Die Angst der saudischen Führung vor den IS-Gotteskriegern", Der Tagesspiegel, 4.8.2014
- "Unklar ist, was mit den Waffen passiert", Interview zu Waffenlieferungen in den Irak, tagesschau.de, 15.8.2014
- http://www.waffenexporte.org

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