Eroberung der Welt: Grandezza der expressiven Performance

19.08.2013 16:25
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Szenario 1: Die Häuser in den engen Gassen von Foumban in Kamerun sind mit rostigem Wellblechdach gedeckt. Wer etwas zu verkaufen hat, hat die Türen auf, oder ein Schild angebracht, oder gleich ein paar Dinge vor dem Haus stehen. Ich kaufe mir bei einer alten Frau ein paar gezuckerte Hefeteig-Ballen. Überall um mich herum wimmelt es von Handwerksläden, die afrikanische Masken und Skulpturen aus Holz oder aus Kupfer anbieten. Ich setze mich aber erst einmal hin und fange an zu mampfen. Da taucht rechts von mir eine ganze Horde Kinder auf und setzt sich neugierig dazu. Einige von ihnen haben auch was zu essen dabei und so vertilgen wir gemeinsam. Still und einträchtig, ohne Worte zu wechseln. 
 
Mit Kindern in Foumban in Kamerun. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Szenario 2: Angkor Wat in Kambodscha, uralte Tempelanlagen, riesige Bäume, alles in einem grau-braun-grünlichen Farbton. Meterdicke Steinwände, dazwischen wandeln hunderte Touristen. Und mittendrin steht diese bunt kostümierte Tanzgruppe und posiert für einen Dollar für Fotos. Ich zögere nicht, und gebe einen Dollar für eine paar nette Fotos aus. Ich stelle mich zwischen die Tänzer und ahme die Hand- und Fußpositionen der Tänzer nach. Die Handflächen aneinander, dann nach vorne, schließlich Daumen und Zeigefinger der linken Hand zusammen. Ich muss grinsen, die Tänzer zucken rollengemäß stolz mit keiner Wimper.  
 
Szenario 3: Ein lauer Abend im kleinen Dörfchen Hlefi in Ghana. Extra für mich und meine zwei Mitreisenden gibt es einen Folklore- und Tanzabend. Es wird laut getrommelt, gesungen und junge und alte Frauen zeigen den traditionellen Tanzstil, der stellenweise an ein hinkendes Huhn erinnert. Anfangs schauen wir nur zu, doch irgendwann müssen wir natürlich mittanzen. Das hinkende Huhn haben wir schnell drauf, garnieren das ganze aber mit ein wenig Macarena und der Saturday-Night-Fever-Armrolle. Die Grandezza der expressiven Performance kann auf dem Foto nur geahnt werden.
 
Tanzen in Hlefi, Ghana. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Capture.
 
Was wollen wir eigentlich sehen, wenn wir reisen? Die Sehenswürdigkeiten natürlich, den Eiffelturm, den Big Ben, die Freiheitsstatue, die Pyramiden. Dann wollen wir beeindruckende Landschaften sehen, Städte erlaufen, eine andere Sprache hören. Wir wollen einzigartige Momente erleben. Und natürlich Menschen kennenlernen. Aber keine Menschen wie du und ich. Sondern Wilde, Eingeborene, autochthone Völker, Natives und Indigene - also Trachtenträger, Bastrockmädchen, den Bayer mit Lederhose, den Chinesen im Reisfeld mit Hut, den Maori in Kriegsbemalung oder auch den Inuit im Iglu. Wenn in Kamerun neben mir ein junger Mann mit sauberem Hemd und Sonnenbrille steht, pah, langweilig. Hat derselbe junge Mann aber nur einen Lendenschurz an und einen Speer in der Hand, wäre er von Touristen schon dutzendfach fotografiert worden. 
 
Das Wilde und Unbekannte zieht uns an, es fasziniert uns. Deswegen lassen wir uns auch damit fotografieren. Wir stellen uns für das lustige Erinnerungsbild neben die Apsara-Tänzer in Kambodscha und machen komische Handbewegungen. Wir zeigen das Victory-V, wenn wir auf einem Kamel in Tunesien in den Sonnenuntergang reiten. Daumen hoch, wenn wir neben dem französischen Künstler vor dem Eiffelturm grinsen.
 
In Angkor Wat, Kambodscha. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Evolve.
 
Wir haben Sehnsucht nach dem Rest der Welt, nach historischen, alt überlieferten Sitten und Gebräuchen. wo der Muezzin früh morgens vom Turm der Moschee herunter betet, wo der Indianer berauscht ums Feuer tanzt und die Pygmäen mit dem Speer nach kleinen Tieren jagen. Dieses urtümliche, einfache, wo der Mann dem Vater der Frau ein Rind gibt, und er dafür die Tochter zur Heirat angedient bekommt. Diese Sehnsucht treibt uns in die Ferne, in die Wildnis oder auch zum Schützenfest im Odenwald. Kommen wir wieder heim, sind die Fotos der Beweis, dass wir keine Angst vor Exotischem haben, dass wir eingetaucht sind in die fremde Kultur, dass wir an bizarren, interessanten oder albernen Bräuchen teilgenommen haben. Und wir beweisen, dass wir ein wenig Selbstironie haben, wenn wir auf lustigen Fotos zeigen, dass wir mit den Eingeborenen ums Feuer getanzt haben. Wir haben die Wildnis erobert, uns mit ihr vereint und verewigt wie einst die Missionare, die Konquistadoren, Alexander von Humboldt in seinem "Kosmos" oder Mungo Park in "Reisen in Central-Africa". Mit all ihren Konsequenzen.
 
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