Kamerun: Wenn der Sultan grüßt - Audienz in Foumban

12.08.2014 14:54

Er ist der König. Oder vielmehr ein König, einer unter vielen. Dazu auch noch Sultan. Und ja, ich verbeugte mich vor ihm, wenn auch mehr aus Amüsement denn aus Respekt. Ich verbeugte mich, so wie viele Hundert andere auch, gerade mal fünf Meter von ihm entfernt. Wie er da saß, feist und fast teilnahmslos, eher hingeschlözt, als majestätisch, in seinem langen weißen Kittel, der roten Mütze und der goldenen Mafiosi-Sonnenbrille. Es war kein mittelalterliches Schauspiel, es war purer Ernst im Hier und Jetzt.

Ibrahim Mbombo Njoya ist sein Name. Seit 1992 regiert er sein Volk in der Tradition seiner Vorväter. Jedenfalls mehr oder weniger: Seinem Großvater Ibrahim Njoya, der den Islam im Königreich der Bamoun in Kamerun einführte, wird nachgesagt, dass er 600 Frauen und über 150 Kinder hatte. Der aktuelle König/Sultan (das ist hier so ziemlich dasselbe) hat zumindest weniger Kinder. In einem Palast lebt er trotzdem - und genau hier, in Foumban, der Hauptstadt des Königreichs, findet auch jeden Freitag der offizielle Empfang statt, wo ihm gehuldigt wird.
Bei einer Audienz in Foumban, Kamerun. Foto: Wolfgang Bürkle

 

Ich habe noch ein wenig Zeit, bevor diese öffentliche Zeremonie beginnt. Das ist auch gut so, denn so kann ich über den Markt schlendern, auf dem alles angeboten wird, was ein stinknormaler zentralafrikanischer Haushalt so benötigt. Plastikeimer brauch ich aber genausowenig wie Kinderklamotten oder gebrauchte Schuhe. Kinder tuscheln hinter meinem Rücken, Männer grinsen mich an, hoffen auf ein Geschäft, Frauen an den Ständen lassen sich nur gegen Trinkgeld fotografieren. Plötzlich teilt sich neben mir die Menge und zwei Reiter preschen vorbei, ihre Pferde festlich geschmückt. Sie sind die Vorhut für die Minister, die vom Palast zur Moschee marschieren, um am freitäglichen Gebet teilzunehmen. Die Einheimischen wissen Bescheid, bilden eine Gasse, in der drei Autos locker nebeneinander fahren könnten.

Wenig später stolzieren die Minister in ihren bunten Gewändern und Käppis durch die Menge, palavern miteinander, gestikulieren herrschaftlich und widmen dem einfachen Volk nur vereinzelt ein Lächeln oder Winken. Dann verschwinden sie in der Moschee, gemeinsam mit anderen Gläubigen, nur die Schuhe bleiben davor. Ich drehe noch eine Runde über den Markt, dann gehe ich langsam in Richtung Palast. Dort warten schon vereinzelt Untertanen im Schatten der Bäume und Mauern. Sie haben sich herausgeputzt, schließlich wollen sie ja nicht wie arme Bauern aussehen. Mit meinen kurzen Hosen wirke ich etwas fehl am Platz. Der Thron, eher schlicht aus Holz und Leder, steht noch leer unter dem Vordach zum Palast.

Bei einer Audienz in Foumban, Kamerun. Foto: Wolfgang Bürkle
 

Dann wird es auf einmal laut. Die beiden Reiter kommen zurück, lassen ihre dekorierten Pferde mit den Vorderhufen aufsteigen, immer und immer wieder, genauso wie die Statue, die am Brunnen vor dem Palast aufgestellt ist. Begleitet werden sie von lauten Tröten, die einen ohrenbetäubenden Lärm machen. Schließlich taucht er auf, der Sultan, trottet langsam aus dem dunklen Saal nach vorne und lässt sich behäbig in den Thron sacken. Gesundheitlich sei er gerade nicht auf der Höhe, heißt es. Deswegen also die matte Erscheinung. Dann geht die offizielle Begrüßungszeremonie los. Nach einem mir unergründlichen System laufen nacheinander kleine Grüppchen vor, knien oder legen sich ein paar Meter vor dem Thron auf die Erde und warten, bis der Sultan ihnen ein Lächeln oder ein zaghaftes Winken schenkt. Dann stellen sie sich an den Rand, achten aber darauf, dem Sultan nicht den Rücken zuzudrehen. Hinter und neben dem Herrscher stehen Amtsträger, die ihm ab und zu etwas zuraunen. Es ist wie in einem Märchenfilm - ich warte nur darauf, dass gleich ein Prinz herbeistürmt und irgendwo eine Prinzessin retten will.
Bei einer Audienz in Foumban, Kamerun. Foto: Wolfgang Bürkle

 

Das Grußritual dauert seine Zeit. Irgendwie werden es immer mehr Menschen, die in den Palasthof strömen. Einige verkaufen Getränke und in Palmblätter gewickelte Mahlzeiten. Die Tröten tröten unaufhörlich weiter, die Pferde ermüden langsam vom ewigen Aufsteigen. Frauen sind bei dem Huldigungsbrauch eindeutig in der Unterzahl. Irgendwann, als eine etwas längere Pause im Strom der Untertanen eintritt, schubsen mich meine Mitreisenden an, ziehen mir am T-Shirt - etwas zaudernd haste ich mit ihnen nach vorne und verbeuge mich langsam. Einen Kniefall spare ich mir. Ich schaue aus dem Augenwinkel nach dem Sultan und als er uns scheinbar etwas belustigt zuwinkt, treten wir ruckzuck wieder an die Seite, um nachfolgenden Grüßern Platz zu machen. Der König scheint ergötzt.

Die Zeremonie zieht sich weiter hin. Schließlich stehen alle, die bereits vom König gewürdigt wurden, irgendwo vorne herum, Seite an Seite. Irgendwann reicht es mir. Auch wenn das bunte Treiben bunt und exotisch wirkt, dauert es doch entschieden zu lang. Kein Wort wird laut gesprochen, nur gelächelt und gewunken, ab und an halten die Untertanen inne und richten die Hände wie im Gebet nach oben. Dazu dröhnen die Tröten im Ohr. Ich ziehe mich zurück, entferne mich langsam vom Palast, bis ich das Tor hinter mir habe. Draußen setze ich neben einige Händler auf eine Bank, unbeirrt von alledem gehen sie ihren Geschäften nach. Die pompöse Märchen-Audienz ist ihnen egal, sie leben das echte Leben.

Bei einer Audienz in Foumban, Kamerun. Foto: Wolfgang Bürkle

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