Kitschig, romantisch, einmalig: Die Bilderbuch-Insel Santorin

07.01.2015 13:23

Santorin ist wunderschön. Ja wirklich! Eine Vorzeige-Insel im Mittelmeer - herrlich weiße und pastellfarbene Häuser in spektakulärer Umgebung. Schroffe Felsen, umgeben von der Weite des Mittelmeeres. Wohl eines der schönsten Reiseziele dieser Welt. Aber eben auch im Sommer sauvoll mit Touristen. Überall tummeln sie sich und machen Fotos, stehend, sitzend, liegend. Treibt ein Einheimischer seinen Esel durch die engen Gassen, macht es Klickklickklick, denn so schön kitschig wirkt das Ganze, dass man es dringend festhalten muss. Wenn der angeblich störrige Boldewyn so zahm-phlegmatisch über das Kopfsteinpflaster trottet, angetrieben von gelegentlichen Klappsen des Treibers mit der Rute, dann strahlt das offenbar eine für den Beobachter besonders romantische griechische Besonnenheit aus. So muss es seit Jahrhunderten sein, malt sich der Betrachter in seinen Gedanken aus. Am liebsten möchte er sich direkt hinsetzen, Oliven und Ouzo auspacken und einfach nur den Tag in dieser malerischen Umgebung genießen, bis nach dem beeindruckenden Sonnenuntergang aus einer rustikalen Taverne Nisiotika-Musik ertönt.

Santorin, Griechenland. Foto: Wolfgang Bürkle

Doch die ruhigen Plätze auf Santorin sind in der Hochsaison in den Städtchen wie Thira und Oia rar. Die Hotels sind ausgebucht. In der Bucht, von etlichen Vulkanausbrüchen rund geformt, ankern Dutzende Kreuzfahrtschiffe, Segelboote und Yachten. Kleine Pötte schippern die Menschen an den Hafen, dort strömen sie die riesig geschwungene Treppe hinauf und hinab, teils auf Eseln, teils unterm Sonnenschirm keuchend. An den Souvenir-Ständchen gibt es unzählige kleinformatige Ton- oder Plastikhäuschen, die genauso verwinkelt und blau-weiß produziert sind, wie ihre großen Vorbilder. Eine unermessliche Fülle an Postkarten und Gemälden zeigen die eng bebaute Steilküste im Sonnenunter- und aufgang. Der Preis ist hemmungslos überteuert, aber das macht gar nix, denn Tausende Touristen aus aller Herren Länder marschieren hier tagtäglich in der Hauptsaison durch und kaufen wie blöd die merkwürdig schnuckeligen Andenken, als Erinnerung an dieses irgendwie paradiesische Plätzchen.

Santorin, Griechenland. Foto: Wolfgang Bürkle

In den Städtchen am Rand der Klippen kleben die weißen Häuser wie eine Schneedecke am Felsen, das Dach des einen ist die Terrasse des anderen. Die blauen Kirchenkuppeln stammen von den Byzantinern, die schlanken Glockentürme von den Venezianern, allein die strahlendweißen Häuser zeugen von der Baukunst der Griechen. Dazwischen wartet der farbliche Overkill mit roten Geranien, grünen oder blauen Türen und orangefarbenen Bougainvillen. Auf einer Terrasse wurde ein altes Holzboot als Kunstwerk platziert, auf einer anderen stehen riesige Tonkrüge. In Restaurants in der ersten Reihe werden kostspielige Menüs aus der ganzen Welt kredenzt, in altertümlichen Tavernen in den Hintergassen brutzelt die einfache Dorade, die wenigstens noch bezahlbar ist. In kleinen Hotelpools schlürfen braun gebrannte Urlauber Cocktails. Ab und an blicken die Honeymooner und Romantiker hinaus auf die Caldera - den gut erkennbaren Kraterkessel aus Felsen und Inseln, der einst vom Vulkan erschaffen wurden. Die Kreuzfahrtdampfer wirken von hier wie kleine Nussschalen in einem riesigen runden Whirlpool. Abends verschwindet der Feuerball der Sonne darin so Bilderbuch-kitschig, dass kein Regisseur dieser Welt dies schöner inszenieren könnte.  

Santorin, Griechenland. Foto: Wolfgang Bürkle

Doch trotz der Touristenflut in der Hochsaison lohnt sich ein Besuch von Santorin. Zumindest mal für ein paar Tage, vor allem außerhalb der Massenurlaubszeit. Denn gerade weil es auch in Wirklichkeit wie ein Freilichtmuseum aussieht, hat Santorin diesen gewissen künstlichen Charme, den auch ein Europa Park ausmacht. Was man hier sieht, hat nichts mit der ursprünglichen griechischen Kultur oder einem "back to the roots"-Feeling zu tun. Die Reichen und Schönen kommen auf dieses Eiland, wohnen in prachtvollen Villen und luxuriösen Bungalows am Kraterrand. Nur wenige Sauftouristen finden den Weg in die beschaulichen Klippendörfer, höchstens an die günstigeren Strandhotels auf der anderen Seite. Santorin ist das typische Beispiel dafür, wie man sich heute Bilderbuch-Griechenland vorstellt. Eine Flucht vor der Wirklichkeit. Und wer weiß, wann hier der nächste Vulkanausbruch droht...

Santorin, Griechenland. Foto: Wolfgang Bürkle

Besucht im Sommer 2010.

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