Königsstadt, Nekropole, Abenteuerspielplatz: Flanieren in Petra, Jordanien

23.10.2014 08:49

Eine verlassene Stadt ist Petra nicht mehr. Der einst legendäre, in Fels gehauene Handelsplatz ist ein riesiger Erlebnispark, eine grandiose Kulisse für Abenteuer. Überall auf den Hauptwegen im Zentrum tummeln sich Touristengruppen, lauthals rufende Verkäufer und eifrige Kamel- oder Eseltreiber. Seit Jahren boomen die Besucherzahlen in der Felsenstadt, die publikumswirksam nur durch einen schmalen Pfad zwischen meterhohen rötlich schimmernden Steinwänden erreicht werden kann. Hier galoppierte schon Indiana Jones mit seinem Pferd durch. Nun bin ich dran, die sagenumwobene Hauptstadt der Nabatäer zu erkunden. Nur durch ihre versteckte Lage konnte sich Petra über die Jahrtausende erhalten. Und wer das Unesco-Weltkulturerbe je besucht hat, der wird sich immer an das Spektakel des ersten Blicks zurück erinnern. Denn sobald man hinter einer leicht geschwungenen Kurve in der scheinbar immer enger werdenden Schlucht die monumentale Fassade des Grabtempels Khazneh al-Firaun erfasst, ist man auch schon von der Einzigartigkeit der Nekropole gefangen genommen.

Am frühen Morgen lässt die Sonne das berühmteste Bauwerk Petras in rot, orange und ocker erstrahlen. Dutzende Besucher drängeln sich zwischen den beiden Steinwänden der Schlucht, um möglichst viel von der kunstvoll behauenen Wand auf ihren Fotoapparaten einzufangen. Geschmückte Kamele warten auf einen Reiter, der für ein paar Dinar für ein Erinnerungsbild posiert. Wer auf einen ruhigen Platz wartet, muss sich bis zum Nachmittag gedulden - doch dann hat sich der gleißende Sonnenschein bereits verabschiedet und der Grabtempel schimmert in schattigem Lila.

In Petra, Jordanien. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Die meisten Besucher verbringen lediglich einen Tag in Petra, nehmen sich nur kurz Zeit, um die Fülle an Tempeln, Grabmälern und Opferplätzen zu besichtigen. Doch man muss sich nur einige hundert Meter vom Hauptweg entfernen, um eine andere Seite von Petra kennen zu lernen: Höhlen mit einzigartigen Felsmarmorierungen in Millionen Farben, schmale Wege, die ins Nichts führen, oder auch versteckte Anhöhen, deren Aussicht kaum einer der eilig Hastenden genießt. Man kann sich verlaufen, kann stolpern, erreicht Sackgassen und ist dennoch immer wieder fasziniert, wenn sich neue Blicke auf die Stadt auftun. In meiner Vorstellung ploppen Gedanken auf, von Kindern, die hier Schnitzeljagden und Verstecken spielten, von frisch verliebten Pärchen, die sich ungesehen von allen anderen in einer der vielen Ecken und Grotten umarmen. Und von Indiana Jones, der hier mit seiner Peitsche Bösewichte stellen könnte.

Ein steiler Bergpfad über gut 800 Stufen führt mich und die anderen Besucher auf eines der höheren Plateaus, zum beeindruckenden Felsentempel ad-Deir. Eine grandiose, in den Sandstein gehauene Fassade, heller als der Grabtempel am Ausgangspunkt der Königsstadt. Ad-Deir lässt zwar einen Palast dahinter vermuten, doch wie bei den anderen Grabmälern und Tempeln von Petra verbirgt sich auch hinter diesem kunstvollen Eingang mit der Urne auf der Spitze lediglich ein viereckiger schmuckloser Raum mit Nischen. Falls es hier jemals etwas wertvolles gab, haben es Diebe, Nomaden oder Archäologen schon lange in ihren Fingern.  

Die etwas exponierte Lage des Plateaus hat den Vorteil, dass es hier viel weniger neugierige Besucher als im Tal gibt. Ich kann in Ruhe einige Hundert Meter vom Felsentempel entfernt auf einem Stein sitzen, die Landschaft genießen und mir ausmalen, wie die Nabatäer hier vor rund 1500 Jahren gelebt und gefeiert haben und dann schließlich nach dem Tod beerdigt wurden. Wie sich unzählige Steinmetze über Jahrhunderte an den Tempeln ausgetobt haben. Mein Sitzplatz mit Blick auf die diesige Weite am Horizont lädt dazu ein, die Gedanken schweifen zu lassen. Doch natürlich bleibt man nicht lange ungestört.

In Petra, Jordanien. Foto: Wolfgang Bürkle

Ein paar Vögel ziehen ihre weiten Kreise über dem Felsen hinter dem Tempel, in der Ferne sieht man die mittlerweile gewaltigen Hotelanlagen abseits der Nekropole. "Hello Mister", höre ich dann. Eine verschleierte Frau will mir eine Dose Cola verkaufen. Als ich mehrfach bestimmt abwinke, geht sie zurück zu ihrem ramponierten Stand. Dort wartet sie auf die nächsten Touristen, bietet ein paar Ketten, Schnitzereien und kitschigen Tand an. Irgendwer wird das schon kaufen, vielleicht ein paar von den Japanern, die mit Sonnenschirm, Handschuhen und Mundschutz den steilen Pfad erklimmen. Ich muss schmunzeln - ob des Kontrastprogramms zwischen verhüllten Muslimen und verhüllten Asiaten.

Ich unterschätze die Größe von Petra. Mein Rückweg dauert lange, immer wieder fasziniert das Farbenspiel der Felsen, das mit der Tageszeit wechselt. Der Abstieg vom Plateau ist eine Kleinigkeit, aber obendrein verzettele ich mich in den vielen abzweigenden Wegen, die ich noch aus purer Neugier einschlage. Keine Menschenseele ist hier zu sehen, auch die Kamele und Esel haben sich verzogen. Dann ein erschrockener Blick auf die Uhr. Ich habe die Zeit vor lauter Faszination vergessen, gehe schneller, hechte die Wege entlang, schließlich will ich vor dem Sonnenuntergang draußen sein, am Treffpunkt mit dem Bus. Irgendwann habe ich den richtigen Pfad wieder gefunden, komme am Amphitheater heraus. Kein Tourist ist mehr zu sehen, nur ein paar Einheimische sitzen vor einem scheinbar geschlossenen Shop. Sie schauen mich fragend an, während ich vorbeijogge, in Richtung der Schlucht. Auch da ist es leer, die hohen Felswände haben schon eine graue Farbe angenommen. 

 
Am Ende der Felsspalte beginnt der gut 1000 Meter lange Weg zum Touristen-Parkplatz. Hier stehen noch ein paar Einheimische mit drei Pferden. Ich gestikuliere, der eine Mann wittert ein gutes Geschäft, grinst. Zum Feilschen habe ich nicht viel Zeit, also rufe ich ihm eine verhältnismäßig hohe Summe zu, er nickt, ich steige auf, nehme die Zügel und reite los. Der Mann versteht, dass ich es eilig habe, reitet ebenfalls los, um die Pferde anzutreiben, die sonst nur gemächlich trottend die Touristen tragen. Ein paar Minuten später sind wir am Parkplatz angekommen, ich steige erleichtert ab, gebe dem Mann das Geld und erwische gerade noch meinen Bus. Indiana Jones hätte seine Freude mit mir.  
 
In Petra, Jordanien. Foto: Wolfgang Bürkle
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