Lalibela in Äthiopien - Licht und Schatten, Himmel und Hölle

04.12.2014 14:59

Stockdunkel ist der Gang. Wir haben uns an den Händen genommen, sollen langsam den Schritten unseres Guides folgen. Er hat uns verboten, unsere mitgebrachten Taschenlampen anzumachen. "For the special feeling"; sagt er. Na gut. Also geht er vor, wir trotten wie ahnungslose Schafe hinterher. Nicht allen von uns macht das Spaß, darum sind einige lieber im Tageslicht geblieben und warten auf der anderen Seite des Labyrinths in einer der vielen Felsenkirchen von Lalibela.

Schritt für Schritt wagen wir uns also durch den finsteren Gang, der Guide gemächlich vorneweg, ich spüre das Ziehen meiner Vorderfrau an der Hand und ebenso das Ziehen von der Hinterfrau. Wir sollen uns ducken, zudem wird der Boden etwas abschüssig. Wir schlurfen mehr als das wir gehen. Von hinten dröhnt ein leises "Nicht so schnell" nach vorne, wir reduzieren das Tempo also noch etwas mehr. Ich kann schon seit mehreren Metern überhaupt nichts mehr sehen, alles ist Schwarz, ich fühle nur die Hände vorne und hinten, den harten Boden und stelle fest: über und neben mir sind meterdicke Felswände. Ich muss zurück an meine Reise in Vietnam denken, an die Beklommenheit in den engen Tunneln von Cu-Chi, in denen die Vietnamesen damals gegen die Amerikaner kämpften.

Bei den Felsenkirchen von Lalibela in Äthiopien. Foto: Wolfgang Bürkle

Stückchenweise bewegen wir uns vorwärts bis es wieder leicht nach oben geht. Schließlich sieht man einen kleinen Lichtschein, der immer größer und greller wird - das Ende des Ganges ist erreicht. Wie lang der Weg war, kann ich nicht mehr sagen, vielleicht 20, vielleicht 50 Meter. Wir lassen unsere Hände auseinandergleiten und atmen auf. So fühlt man sich, wenn man in der Hölle war und wieder das Licht des Lebens spürt, merkt unser Guide an. Er ist Priester und hat sein Leben der Arbeit in und um Lalibela verschrieben, einer Stadt die auch als achtes Weltwunder bezeichnet wird. Er sieht auf den ersten Blick aus wie ein typischer Rapper, groß und kräftig, immer die Sonnenbrille auf der Nase, selbst in der dunkelsten Kirche. Jedenfalls kennt er alle anderen Priester, die sich hier in und um die Gotteshäuser tummeln. Sobald wir in eine der Kirchen gehen, ruft er dem gerade zuständigen Priester zu, er solle in charakteristischer Weise für ein Foto posieren, in vollem Ornat, mit großem Vortragekreuz und eventuell dem Prozessionsschirm in der Hand. Es gibt keine Widerworte, dafür später ein Trinkgeld. Der schnöde Mammon unterstützt die Arbeit der orthodoxen Geistlichkeit.

Ein Priester bei den Felsenkirchen von Lalibela in Äthiopien. Foto: Wolfgang Bürkle

Licht und Schatten zeichnen Lalibela aus. Die starken Kontraste von einer Kirchenaußenseite zur nächsten sind in der prallen Sonne eine Herausforderung für Fotografen. In den Kirchen und Verbindungsgängen ist es schummrig und kühl, nur einige Lichtstrahlen dringen durch Fenster und Durchgänge, manche projizieren mystische Lichtkreuze an Wände und Böden. Hell und dunkel bestimmen die Atmosphäre. Unterirdisch gebaute Säulen drängen in den Himmel. Vielleicht tragen auch deswegen die Priester weiße Gewände - sie wirken wie Engel, die strahlend durch die finstere Nacht flanieren, wie ein flackerndes Leuchten in uralter Düsterkeit. Ich muss an den ewigen Kampf Gut gegen Böse denken, an Engel gegen Dämonen, an Klischees von der hellen und dunklen Seite der Macht - selten spürt man diese Gegensätze so intensiv wie in Lalibela.

Die elf Felsenkirchen von Lalibela zählen heute zum Unesco-Weltkulturerbe. Unter Kaiser Lalibela (daher auch der Name) sollen sie vor gut 800 Jahren aufgrund einer göttlichen Vision in das rote Vulkangestein gemeißelt worden sein, ein neues Jerusalem rund um den kleinen Fluss mit dem bezeichnenden Namen Yordanos war geplant. Die heilige Stätte ohne Ziegel oder Mörtel hat die Jahrhunderte überdauert und wird weiterhin eifrig genutzt. Auch bei meinem Besuch findet ein Gottesdienst in der großen Kirche Bete Medhane Alem statt. In der Weihrauch-geschwängerten Luft beten Dutzende weiß gekleidete Menschen im Halbdunkel vor sich hin, singen gemeinsam, einige trommeln, andere sitzen betend, lauschend, meditierend herum. Ein geordneter Ablauf erschließt sich mir nicht. Es wirkt wie eine Szene aus einem Mittelalterfilm mit unzähligen barfußlaufenden Gewandeten.  

Bei den Felsenkirchen von Lalibela in Äthiopien. Foto: Wolfgang Bürkle

Irgendwann geht der Vorhang im vorderen Bereich der Kirche auf, mehrere Priester strömen heraus, mit Schirmen und großen Trommeln ziehen sie ihre Runden durch die proppenvolle Kirche. Eine Fackel wirft einen roten Schein auf Gesichter und Gewänder. Die dunkelgrauen Gänge werden für kurze Zeit erhellt. Einige der Pilger wollen von den Vortragekreuzen berührt werden, eine Segnung wie bei uns mit Weihwasser. Die Gläubigen suchen das Licht, Hoffnung und Erlösung.  

Draußen wandern derweil mit dem Lauf der Sonne die Schatten immer weiter, über den von Millionen Füßen abgewetzten Boden, über die Flechten-bedeckten Wände. Von Stunde zu Stunde ändert sich der Anschein der Gotteshäuser. Während in der einen Minute noch das Portal der einen Kirche im Licht leuchtet, ist es im nächsten Moment nur ein dunkler Einlass zum nächsten Heiligtum. Die Konturen der kunstvoll herausgearbeiteten Kreuzmotive, Reliefs und Bögen in den Kirchen werden erst nur durch das flackernde Kerzenlicht betont, dann wieder vom gleißenden Geflimmer des Himmelsgestirns. Ein immenser Gottglaube zeigt sich durch diese von Hand geformten Monolithen. Perfektion und Schönheit trieben die Schöpfer an - und womöglich das Streben nach dem Himmel auf Erden.  

Bei den Felsenkirchen von Lalibela in Äthiopien. Foto: Wolfgang Bürkle

 

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