Leben in Mandalay - Das Blumenmädchen im größten Buch der Welt

13.04.2016 11:50

Ma Yi Yi ist eine kleine Berühmtheit. Das junge Mädchen zierte schon die Seiten von Magazinen und war in Reiseführern angebildet. Dabei ist sie kein Filmstar und auch keine berühmte Sängerin - sondern einfach ein nettes Mädchen mit einem schüchternen Lächeln, die Blumen in der Kuthodaw-Pagode in Mandalay verkaufen will. Egal, ob Tourist oder Einheimischer, jeder bekommt eine Blumenkette entgegen gehalten, um sie hier ihr für ein paar Kyat zu kaufen. Und offenbar macht das Ma Yi Yi mit einem solchen Charme, dass es das Interesse vieler Tempel-Besucher weckt.


In der Kuthodaw-Pagode in Mandalay. Foto: Wolfgang Bürkle

 
Barfuß läuft das Mädchen über die warmen Fließen auf dem Gelände der Pagode, die auch als "größtes Buch der Welt" bezeichnet wird. Sie trägt ein grün- und weißkariertes Kleid und hat sich mit Thanaka-Paste große Blätter auf die Wangen gezeichnet. Die Paste aus der Rinde des indischen Holzapfelbaums ist das typische Make-Up der Frauen in Myanmar - und wird oft in gut sichtbaren Mustern auf die Haut gecremt. Einige Damen haben dicke Striche auf den Wangen, andere Spiralkreise - und Ma Yi Yi eben unübersehbare Blätter. Kein Wunder, dass sie oft in der Tempelanlage fotografiert wird. 

In der Kuthodaw-Pagode in Mandalay. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Die Kuthodaw-Pagode ist eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Mandalay. In der bald 150 Jahre alten Anlage stehen 729 Stupas, mit je einer aufrecht stehenden Marmorplatte darin. Auf den Platten ist der Pali-Kanon in winziger Schrift niedergeschrieben, mit den Lehren Buddhas - auch Tipitaka genannt. In der Mitte der Anlage steht eine große vergoldete Stupa, neben ihr werden die ausufernden Äste eines über 150 Jahre alten "Star-Flower"-Baums von Holzsäulen abgestützt. Das Gelände wäre ein Traum für jeden Paintball-Spieler: riesengroß, viele Hindernisse und viele Versteckmöglichkeiten. Aber eben auch heilig. Und damit ein Platz der Anbetung und der Ruhe.  
 
Ma Yi Yi verkauft die Blüten von süßlich duftendem Jasmin, die sie an den Bäumen nahe der Pagode gepflückt und mit Schnüren zu Halsketten geflochten hat. Die Ketten verkauft sie nach ihrer Schulzeit, an Wochenenden und in den Ferien - mit dem Geld will sie ihre zukünftige Schullaufbahn finanzieren. Kinderarbeit? Naja, eher ein Hobby, ein Zeitvertreib mit einem kleinen Zuverdienst. Und eine gute Gelegenheit, Menschen aus der ganzen Welt kennen zu lernen. Ihr Englisch ist noch nicht sehr fortgeschritten, mit Unterstützung der Hände klappt die Verständigung über den Preis ihrer Waren jedoch problemlos. Sie trägt die Ketten in einer flachen Korbschale auf ihrem Kopf, in einer Plastiktüte hat sie eine Wasserflasche, die Thanaka-Paste und ein paar weitere Souvenirs bei sich. Ihr Wechselgeld steckt in einer geflochtenen Umhängetasche mit Elefanten-Muster darauf. 

In der Kuthodaw-Pagode in Mandalay. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Das Geschäft an diesem Tag scheint ganz gut zu laufen, von Aufdringlichkeit ist bei der jungen Verkäuferin nichts zu spüren. Ein weiteres Mädchen hat sich zu Ma Yi Yi hinzugesellt und bietet ebenfalls Blumenketten an. Wer sich interessiert zeigt, dem zeichnen die Beiden auch mit der Thanaka-Paste ein Muster auf die Wange. Frauen nehmen das Angebot gerne an, gehen dafür in die Knie und halten still, während die Paste auf die Wangen gecremt und in Form gestrichen wird. Kinderschminken einmal anders herum. Noch haben die Mädchen viel Zeit dafür, noch hält sich der Andrang an Touristen hier in der Kuthodaw-Pagode in Grenzen. Aber Mandalay und das Land Myanmar werden immer beliebter, die Zahl der Besucher steigt - und wahrscheinlich wird aus Ma Yi Yi in ein paar Jahren eine erfolgreiche Frau, die von ihren beschaulichen Anfängen als Blumenmädchen inmitten des größten Buches der Welt erzählen kann.  

In der Kuthodaw-Pagode in Mandalay. Foto: Wolfgang Bürkle
 
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