Nibelungen-Festspiele in Worms - Bittersüße Rache und große Emotionen

19.07.2014 13:59

Als das Genick des kleinen Jungen mit einem lauten Krachen bricht, zuckt das Publikum zusammen. Diese Szene, in der der Bösewicht Hagen den kleinen Ortnit tötet, weckt bei den Festspiel-Zuschauern in Worms offenbar die größte Emotionalität. Die zweitstärkste Reaktion (vor allem ein Seufzen von vielen anwesenden Damen) kommt kurz vor Schluss, als sich Etzel-Darsteller Erol Sander teils entblättert und mit freiem Oberkörper von der Bühne stürmt. Bis dahin hat das Publikum drei Stunden lang Zickenterror, Mord und Totschlag genossen, irgendwo zwischen "Kill Bill", "Counter Strike", Nazi-Propaganda-Filmen und Hunnen, die wie Jedi-Ritter gekleidet sind. Man merkt, es ist ein emotionaler Abend hier in Worms, bei der Premiere der Nibelungen-Festspiele 2014. Und das nicht nur, weil Intendant und Regisseur Dieter Wedel in diesem Jahr zum letzten Mal den Finger in die beträchtlich blutenden Wunden auf der Bühne legt. Für mich ist er ein bisschen emotional, weil ich gehofft hatte, Trash-Queen Daniela Katzenberger zu sehen. Eine vergebliche Hoffnung, wie sich schnell herausstellt. 

Bei den Nibelungen-Festspielen in Worms. Foto: Wolfgang Bürkle

Emotional geht es natürlich vor allem im Stück zu, dass seinem Namen nur bedingt gerecht wird: "Hebbels Nibelungen - born this way" steht auf dem Plakat. "Born to die" (der letztjährige Titel der Festspiele) wäre treffender gewesen, schließlich sind am Schluss fast alle tot. Erstochen, erschossen oder einem Brand zum Opfer gefallen. Doch der Anglizismus im Titel beschreibt natürlich wunderbar einige der Einflüsse, denen sich Wedel bedient hat. Er mixt den theatralischen Hebbel-Text von Kriemhilds Rache mit Filmeinspielern, Maschinengewehren, ein wenig Humor, Heimatliedern, lüsterner Erotik und unverkennbaren Hollywood-Elementen. Rüdiger etwa stirbt so schön, dass es jedem Trash-Film-Fan Freudentränen in die Augen treibt. Doch das durchaus unterhaltsame Stück wird am Premierenabend eben nur zur Nebensache. 

Bei den Nibelungen-Festspielen in Worms. Foto: Wolfgang Bürkle

Denn die gespielte Emotionalität zeigt sich schon auf dem roten Teppich, wo sich deutsche B- und C-Promis ein Stelldichein bei über 30 Grad geben. Ein Foto hier, ein Bussi da, vielleicht winkt ja irgendwo ein neuer Job oder ein Werbevertrag. Dazwischen rinnen Schweiß, leere Worthülsen und dementsprechend viel Lob füreinander. Vergebliches Warten allerdings auf Daniela Katzenberger. Die vermutlich prominenteste Halbprominente hatte sich zwar angekündigt, bleibt dann aber doch fern. Ist wohl zu warm. Oder sie hat mal wieder keine Lust auf große Menschenmengen. Zeit für Tränen bleiben mir allerdings nicht, denn ich finde ruckzuck wunderbare Begleiterinnen in Form früherer und aktueller Kolleginnen, die froh darüber sind, dass einige Merkmale der Katzenberger nicht auf sie zutreffen. Das Maul wird sich natürlich überall verrissen. Vornerum hü, hintenrum hott. Trotzdem muss sich kein Promi veräppelt oder belästigt vorkommen, in Worms ist alles irgendwie nett und familiär. Im wunderschönen Park des Heylsschlöschens sitzen so bei der Willkommensrede des Oberbürgermeisters Franziska van Almsick, ihr Lebensgefährte und Cherno Jobatey ungestört an einem Tisch, während drei schlank-zerbrechliche Schauspielerinnen-Moderatorinnen immer wieder für ein gemeinsames Foto posen. 

Bei den Nibelungen-Festspielen in Worms. Foto: Wolfgang Bürkle

Und auch nach der Premierenvorstellung wird es amüsant. Da stürmen alle ans Büffet, die Promis reihen sich zwischen die anderen Ehrengäste in der Schlange ein und warten gemeinsam auf lauwarme Nudeln. Fotografen und Journalisten suchen noch den letzten Schnappschuss und O-Ton, bis irgendwann Cherno Jobatey, diesmal in dunklen Turnschuhen, sein leeres Whiskey-Glas wortlos neben mir auf einen Stehtisch stellt, weiter geht und scheinbar lustlos auf eine Lücke in der Essensschlange starrt. Vermutlich hat er auch darauf gehofft, Daniela Katzenberger zu treffen, nun ist seine Emotionalität einer enttäuschten Gleichgültigkeit gewichen. Gleichgültig scheint auch so manchem die ganze Aufführung gewesen zu sein. Hauptsache dabei sein. Und vielleicht noch so ein gefühlsduseliger Ausbruch: "Das Schönste war das Pferd." Dessen Auftritt dauerte allerdings nur gut eine Minute. Immerhin länger als der von Daniela Katzenberger. 
 
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