Schutzheilige, Selfies und Bier - Auf der Karlsbrücke in Prag

21.05.2015 12:27

Die Karlsbrücke in Prag ist immer voll mit Menschen. Außer vielleicht um 5 Uhr morgens. Doch vor allem an diesem 15. Mai, dem Tag des Johannisfests Navalis, ist viel Trubel auf dem Prager Bauwerk. Das Navalis-Fest ist dem heiligen Johannes von Nepomuk, dem Schutzheiligen aller Menschen, die mit dem Wasser zu tun haben, gewidmet. Ich hab das erst erfahren, als ich schon im Gedränge auf der Brücke stand. Nachlässige Tour-Planung, denke ich mir kurz im Stillen, freue mich aber dann doch, das ich bei einem Fest dabei sein kann. Und immerhin erklärt das diese vielen kostümierten Menschen. Und die Pferde. Und darum ist auch die Statue des heiligen Nepomuk abgesperrt. Denn sonst würden die ganzen Besucher unablässig den Hund und die Figuren auf den Plaketten zu seinen Füßen betatschen - das soll laut einer Legende Glück bringen und Wünsche erfüllen.

Die Karlsbrücke in Prag, Tschechien. Foto: Wolfgang Bürkle

Ich lehne mich erst einmal an ein freies Stückchen der Brückenmauer und betrachte die Szenerie vor mir. Wunderbares People-Watching, hier auf der Brücke. Unzählige Touristen haben ihre Kameras gezückt, machen Selfies oder fotografieren die Statuen und den Burgberg. Ein Afrikaner verkauft Selfie-Sticks, will auch mir einen zum überteuerten Preis andrehen. Ein paar Meter weiter malträtiert ein Akkordeon-Spieler sein Instrument mit Bachs Toccata, die Finger fliegen regelrecht über die Tasten, ein paar Zuschauer bleiben stehen, werfen Münzen in seinen Hut. Maler und Porträtzeichner haben ihre kleinen Stände auf der Südseite der Brücke aufgebaut, von der Nordseite hat man sie verscheucht, damit die Navalis-Prozession dort nachher ungestört vorbeiziehen kann. Ein Pärchen hat sich für eine Karikatur von sich entschieden, der Künstler malt ihr eine viel zu große Nase, sein Mund spannt sich quer über das Gesicht. An einem anderem Stand sehe ich Bilder der Karlsbrücke, menschenleer, im Sonnenaufgang oder in rotem Licht bei Nacht. 
 
Auf der Karlsbrücke in Prag, Tschechien. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Neben mir hat sich eine Meute angetrunkener junger Männer versammelt, direkt neben einem leerstehenden Podest einer Statue, die gerade restauriert wird. Wahrscheinlich feiern die Kerle einen Junggesellen-Abschied. Ich verstehe ihr lallendes Deutsch leider ziemlich gut, sie machen auch keinen Hehl aus ihrer Feierabsicht und erzählen sich von ihren jüngsten sexuellen Erlebnissen. Ich versuche sie zu ignorieren, werfe einen Blick nach unten, wo Drachenboote unter den Brückenpfeilern ihre Kreise ziehen, von dumpfen Trommelschlägen angeleitet. In einem Schwanen-förmigen Boot sitzen ein paar Touristen und winken nach oben. Sie haben Glück und werden nicht von der Spucke getroffen, die ein weiterer Betrunkener von der Brücke nach unten tropfen lässt.   
 
Auf der Karlsbrücke in Prag, Tschechien. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Der Biergenuss gehört natürlich zu Prag. Überall wird es ausgeschenkt, überall laufen welche mit Bierdose oder -flasche in der Hand herum. Auch hier auf der Brücke. Dazwischen rennen ein paar gesundheitsorientierte Jogger herum, andere essen auch ein Eis mit ihren Kindern, die kaum über die steinerne Brüstung schauen können. Ein paar Bettler knien am Rande der Brücke, recken mitunter ihren Hintern nach oben, die Hände vor sich wie zum Gebet gefaltet.
 
Auf der Karlsbrücke in Prag, Tschechien. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Als der Navalis-Zug beginnt, füllt sich die Brücke noch mehr. Geistliche, Pferdereiter, Menschen in historischen Gewändern entern das Bauwerk, schwenken während des Ritts der Könige kleine Palmwedel. Die Sonne, die just zu dieser Zeit hinter dem Burgberg untergeht, verströmt ein magisches Licht. Soldaten in Prunk-Uniform haben Blumen an der Statue und an der Plakette des heiligen Nepomuk abgelegt, dort, wo er einst in die Moldau geworfen wurde. Viele in der Prozession tragen Seemanns-Kostüme, sind Wallfahrer aus der ganzen Welt, die nachher im Wasser unter der Brücke bei der Regatta historischer Boote teilnehmen werden. Stolz marschieren sie über die Brücke, vorbei an Pragern, Touristen und Fotografen. 
 
An der Karlsbrücke in Prag, Tschechien. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Kaum ist der Zug vorbei, richtet sich mein Blick wieder auf die Moldau, zu den Booten, zur Bühne, wo nach dem Sonnenuntergang ein Barockkonzert ertönt, schließlich noch ein Feuerwerk den Himmel und die Goldene Stadt erleuchtet. Die Menschen lehnen nun an der Mauer der Karlsbrücke und schauen zum Trubel auf und um den Fluss. Manche verlassen irgendwann die Brücke, machen sich auf zum Abendessen, wollen feiern gehen. Ich bleibe noch etwas hier, genieße die langsam einkehrende Stille. Und ich bin froh, dass hier keine Bänke stehen - denn sonst würde ich vielleicht doch noch bis zum Morgen bleiben.  
 
An der Karlsbrücke in Prag, Tschechien. Foto: Wolfgang Bürkle
 

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