Turkmenistan - Seid fruchtbar und mehret euch

26.07.2013 10:51
In Kunya-Urgench.
 
Bunte Tücher wehen im kaum wahrnehmbaren Wind an einem knorrigen Baum vor dem niedrigen Mausoleum. Über und über ist er damit behangen, einige glänzen noch wie neue Seide, andere sind nur noch verblichene Stofffetzen. Am Fuß des Saksaul-Baumes liegen kleine Münzen und bunte Briefchen, die niemand wegnehmen mag. Es ist ein Wunschbaum - und solche gibt es häufiger in Turkmenistan zu sehen. Allein hier in Kunya-Urgench, der Unesco-Welterbestätte im Nordwesten von Turkmenistan, fallen mir direkt zwei ins Auge. Indem sie ein Tuch an die Äste oder den Stamm hängen, hoffen die Gläubigen auf die Erfüllung eines Wunsches - zumeist ist es der Wunsch nach einem Kind. 
 
In Kunya-Urgench, Turkmenistan. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Kinderreich scheinen die Familien, die sich hier die alten Mausoleen anschauen, allerdings zu sein. Fast jede junge Frau hat einen Zögling auf dem Arm oder an der Hand. Wobei es übertrieben wäre, von Menschenmassen zu reden, denn mehr als zwei Dutzend Menschen sind in dieser fruchtarmen Einöde nicht anzutreffen. Vielleicht liegt das auch an den 40 Grad Celsius, die einem auf die Haut prallen und förmlich das Wasser aus den Poren reißen. Die Trinkflasche ist immer griffbereit.
 
Was einem in Kunya-Urgench direkt ins Auge sticht, ist das aus dem 14. Jahrhundert stammende Qutlugh-Timur-Minarett - mit immer noch über 60 Metern Höhe das höchste Minarett in Zentralasien. Aus der flachen und kargen Landschaft ragt es heute heraus, wie ein Nagel aus einem Brett. Drumherum ein paar flache Gräber und einige Bäume, die bewässert werden. Zwei alte Damen sitzen im Schatten des Minaretts auf einer Bank und beäugen uns neugierig. Der Tourismus hat es hier noch nicht einmal in die Kinderschuhe geschafft. 
 
In Kunya-Urgench, Turkmenistan. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Wir gehen weiter, am Tekisch-Mausoleum und dem nächsten Wunschbaum vorbei, auf den Hügel der 40 Mullahs, der einst eine Festung war und dann als Grabstätte genutzt wurde. Die 40 Mullahs sollen beim Ansturm der Mongolen dafür gebetet haben, dass ihre wertvollen Schriften verschont blieben - daraufhin habe sich ihre Medrese auf den Kopf gedreht, die Türen waren damit unter der Erde und die Bücher geschützt. Daraus soll der Hügel entstanden sein, in dem noch immer die alten Bücher unentdeckt ruhen. Auf ihm sehen wir nun dutzende Babykrippen, in einem Rund aufgestellt, teils selbstgezimmerte kleine Kunstwerke, teils simple Holzvorrichtungen. Pilger marschieren mehrmals um diese herum - wieder mit einem Fruchtbarkeitswunsch verbunden.

Einige Familien sind noch kurz vor uns auf den Hügel marschiert und schauen auf den umliegenden Friedhof. Unvermittelt zieht sich eine der Frauen einen staubigen langen Mantel an, sie legt sich auf den Boden und lässt sich seitwärts den Hang zum weiter unten gelegenen Friedhof runterrollen. Dabei schützt sie ihr Gesicht mit den Händen und die oben stehenden Verwandten johlen und jubeln. Sie poltert den Hang herunter, stößt sich die Knie an Steinen und der Staub wirbelt durch ihre Haare. Am Ende des Hangs angekommen, bleibt sie erst kurz liegen und rührt sich nicht, dann richtet sie sich langsam und leicht torkelnd auf, zieht den Mantel aus und streicht, mit einem lächelnden Blick zu den Verwandten, ihren Rock glatt. Auch diese Prozedur soll angeblich die Fruchtbarkeit erhöhen. Dennoch lassen sich einige Jungs den Spaß nicht nehmen, ziehen den lädierten Mantel an und versuchen halbwegs geradeliegend den Hügel hinab zu rollen. Sehr anzweifelbar, dass dies der Fruchtbarkeit hilft. Ihre Schwestern und die jüngeren Frauen lachen mit ihnen, aber nur solange, bis der Blick der Mutter an Strenge zunimmt. Flugs werden noch einige Runden in still betender Demut um ein Grab gelaufen, dann zieht die Familie wieder in gelockerter Reihe in Richtung des hohen Qutlugh-Timur-Minaretts. Der Vergleich mit einem Nagel im Brett mag dann doch ob des allgegenwärtigen Kinderwunsches hinken. Die Bezeichnung "Steinerner Phallus" könnte ebenso zutreffend sein.
 
In Kunya-Urgench, Turkmenistan. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Besucht im Juni 2013.

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