Usbekistan - 2200 Stufen bis zu König David

13.07.2013 11:17

Zwischen Samarkand und Shahrisab.

 

Ich bin motiviert. Total. Rund 2000 Stufen sollen es sein, den Berg hoch, über den Gipfel, dann wieder gut zweihundert Stufen auf der anderen Seite runter zur Höhle. Kein Problem. Mit dem Wetter habe ich Glück, die Sonne feuert heute nicht aus allen Rohren, es ist bewölkt, ein paar Tropfen sind auch schon gefallen. Also geht’s los, vom Parkplatz aus erst den Weg zu den Stufen suchen, an ein paar rustikalen Klos, Gaststätten und faltigen Verkäuferinnen mit bunten Kopftüchern und Goldzähnen vorbei. Ist ein Pilgerort hier, gut 40 Kilometer von Samarkand entfernt. Die meisten Pilger sind Usbeken, Tadschiken und alle anderen, die gerne unzählige Stufen hochlatschen. Der biblische König David soll nach seiner Herrschaft als Missionar hier unterwegs gewesen sein - die Muslime nennen ihn Khazrat Daud. Als er hier von Zoroastriern verfolgt wurde, betete er zu Gott, der ihm die Kraft verlieh, die Stein in der Höhle wegzuschieben, um sich zu verstecken. Seine Handabdrücke sollen die Höhle zieren, wer sie berührt, kann auf Heilung oder sonstige Wunder hoffen.

Verkäuferinnen in Usbekistan. Foto: Wolfgang Bürkle

 

Die freundlichen Kräuterverkäuferinnen winken mir noch kurz zu, dann sind die Stufen auch schon zu sehen, in einem Getümmel von Menschen, Autos, Pferden und Kamelen. Komplette Familien wollen den Berg erklimmen, mit Babys auf und 80-Jährigen am Arm, darunter noch die Lunchpakete geklemmt. Ich schaue nach oben, versuche erfolglos das Ende der Stufen zu erblicken, und frage mich dann doch, ob sich der Aufstieg wirklich lohnt. Die Neugier siegt und die ersten Stufen werden bewältigt, an einem Vater mit Cowboyhut und Kind vorbei, hinter zwei jungen Frauen, die bunte blumenbemusterte Kleider im Partnerlook tragen. Die beiden werde ich noch öfters auf dem Weg vor mir haben. Links und rechts entlang der Stufen sind hunderte Stände bis ganz nach oben verteilt. Und überall derselbe Kitsch: Kleine Figuren, Gebetsketten, Plastik-Pistolen, Hüte mit Ronaldinho-Schriftzug (wohl vom Laster gefallen), Messer und einige Küchengegenstände. Wer hier täglich den Weg zur Arbeit nach oben nimmt, muss eine gute Kondition haben, denn auf dem Anstieg selbst sehe ich keine Pferde oder Kamele. 

Ein Vater in Usbekistan. Foto: Wolfgang Bürkle

In manchen Ständen liegt der Besitzer noch hintendran und schläft, einige sind geschlossen. Weitere Buden bieten Essen und Trinken an, manchmal auch nur einen Sitzplatz zum Verschnaufen. Letzteres ist des Öfteren angesagt, denn die Stufen, teils aus Stein, teils aus Beton, sind manchmal nur zehn Zentimeter hoch, manchmal 40 Zentimeter und manchmal bestehen sie auch nur aus Geröll. Wo die kleinen Kinder und alten Leute nicht weiterkommen, werden sie geschoben, gezogen, getragen oder gestützt. Einige Male ist das Gejammer groß, besonders wenn Jugendliche voller Elan einen Teil der Treppe hoch oder runter hasten.

 

In Usbekistan. Foto: Wolfgang Bürkle

Bei mir setzt irgendwann die Gleichgültigkeit ein. Den Blick nach unten auf die Stufen gerichtet, immer ein Bein vor das andere, ab und an den Schweiß von der Stirn wischen. Vorwärts, links zwodreivier, Wasser trinken, tief atmen, dann springt der Ohrwurm rein, die Proclaimers, 500 Miles, immer und immer wieder, mehr und weiter und nochmal. Irgendwann reihen sich die Buden noch dichter aneinander, kurz vor dem Ziel, dem Gipfel, sind sie durchgehend überdacht, bieten immer noch denselben Nippes an. Und dann bin ich oben. Die Aussicht auf das Tal ist ganz nett, wenn da nicht das weiße Pferd mit dem plüsch-pinken Sattel im Weg stünde. Nein, ich möchte da nicht drauf reiten, erläutere ich dem Besitzer, der mit einer Kamera winkt und auf Geld hofft. Das sollen mal schön die kleinen Mädchen machen, oder die zwei jungen Damen in den bunten Kleidern, die ich mittlerweile überholt hatte. 

In einer kleinen Moschee, umgeben von knorrigen Bäumen, werden Gebete vorgelesen, auf Picknickdecken sitzen Familien essend und trinkend. Die Sicht reicht einige Kilometer weit über die Ebene, aber nicht ganz bis nach Shahrisab, der heute noch pompösen Heimatstadt des Eroberers Amir Timur, auch Tamerlan genannt. Nach einer kurzen Verschnaufpause mache ich mich auf den Weg zur Höhle, etwa 200 Stufen bergab. Der Weg ist voll gedrängt mit Einheimischen, die sich vor, hinter und neben mir abmühen. Und dann vor der Höhle die große Enttäuschung: Es sind so viele Menschen da, dass man etwa zwei Stunden braucht, nur um kurz in die Höhle und wieder raus zu gehen. Ich verzichte dankend darauf, mich anzustellen und drehe wieder um. Der Weg ist das Ziel, denke ich. Und zurück auf dem Gipfel hat das Pferd mit dem plüsch-pinken Sattel jetzt ein Kamel mit lila Sitzen zur Seite gestellt bekommen. 

 

In Usbekistan. Foto: Wolfgang Bürkle

Besucht im Juni 2013.

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