Venezuela - Auf der Jagd in den Llanos

30.04.2014 14:24

Wir haben einfach kein Glück. Immer wenn wir winzige Stückchen Hühnerfett an den kleinen Angelhaken befestigt haben und ins Wasser halten, futtern die Piranhas ruckartig kleine Fetzen davon ab. Aber am Haken hängen bleiben will keiner, auch wenn wir noch so sehr mit der kurzen Angelschnur wackeln. Klar, die meisten von uns sind das erste Mal auf Piranha-Jagd, da fehlt die Erfahrung. Unser einheimischer Guide macht vor, wie es eigentlich gehen sollte: Das Fettstück im Wasser ab und an wackeln lassen, nicht zu schnell, nicht zu langsam, sobald der Piranha zubeißt, ruckartig ziehen, dass er sich nicht mehr vom Haken lösen kann. Doch auch eine Viertelstunde später stellt sich bei uns kein Erfolg ein, während die geübten Venezoelaner schon die nächsten der räuberischen Fische rausgezogen haben. Natürlich zeigen sie sie uns stolz, die bunten Fische mit den scharfen Zähnen und sagen: "So welche habt Ihr bei Euch in Deutschland wohl nicht?!"

In den Llanos, Venezuela. Foto: Wolfgang Bürkle
  
Sie leben auf und um eine Farm in den Llanos, dem weiten tropischen Grasland, dass sich auf tausenden Kilometern von Kolumbien nach Venezuela zieht. Der Orinoco wird hier aus zahlreichen Zuflüssen gespeist. Da der Boden aber in der Regenzeit regelmäßig überflutet ist, kann man nur selten genau feststellen, was jetzt Fluss, See oder doch nur eine riesige Pfütze ist. Dementsprechend leben die Llaneros seit Jahrhunderten primär von der Viehzucht. Die Rinder haben kein Problem damit, auch mal durch schulterhohe Wasserfelder zu marschieren. Und die Llaneros wissen, in welchen Bereichen sie ihre Rinder weiden lassen können, ohne dass sie zu sehr von Krokodilen oder Anakondas belästigt werden. 

Doch genau diese beiden Arten sind es, die die Besucher in den Llanos gerne sehen würden. Das Piranha-Angeln ist nur eine Aufwärmübung - und ein kleines Zubrot für das Abendessen, denn gegrillte Piranhas sind trotz ihres Grätenreichtums ein beliebtes Essen. Vielleicht stellen wir uns bei der Jagd nach den Reptilien und Schlangen besser an. Unser Guide geht auf der Schotterpiste vor, erst am Vormittag hat er "verdächtige" Bewegungen vom Jeep aus auf einem Grundstück gesehen. An einem See pirschen wir uns heran - und tatsächlich, aus der Wasseroberfläche lugen zwei Augenpaare heraus. Diese beobachten uns, verfolgen unsere Bewegungen und tauchen ein paar Minuten später ab. Ein Brocken Rindfleisch wird herausgeholt, ans Ufer gelegt, einer der Llaneros hält ein Seil in der Hand, unser deutscher Guide Eddi bekommt einen langen Holzstock gereicht. Wir ziehen uns ein wenig zurück, warten, hoffen. 

Ein paar Minuten später wagt sich tatsächlich ein Krokodil heraus. Schnell und aus relativ sicherer Entfernung werfen die Jäger eine Seilschlaufe um den kurz aber kräftig ruckenden Hals des Krokodils, mit dem Stock halten sie das über zwei Meter lange Reptil im Schach. Verhaltener Jubel, die Kameras klicken, der Tierfreund räuspert sich ein wenig verärgert. Aber nur für ein paar Augenblicke, ein paar Fotos lang, dann ziehen die Jäger das Seil ab, das Krokodil isst relativ unberührt weiter an dem Stück Rind und verzieht sich schließlich wieder ohne Groll aber etwas satter ins Wasser.
In den Llanos, Venezuela. Foto: Wolfgang Bürkle 


Die Anakondas hingegen machen sich gerade rar, es ist Regenzeit, da sind sie oft im Wasser und somit kaum zu sehen. Wir suchen eine Weile erfolglos, sehen dabei den Vogelreichtum der Llanos und die Biber-ähnlichen Capibarras, machen uns dann wieder auf den Heimweg, zurück zur Farm, auf der schon gegrillte Schweinehälften und die Piranhas auf uns warten. Doch, wie es der Zufall will, direkt vor der Einfahrt liegt eine der Riesenschlangen faul in der brütenden Hitze. Allerdings noch nicht ganz so riesig, vielleicht gut zwei Meter lang und nicht sehr wehrhaft. Der Llanero greift sie mit der einen Hand direkt hinter dem Kopf und mit der anderen Hand in der Körpermitte, seine Tochter springt hinzu, hilft dabei, die Würgeschlange festzuhalten. Wir können sie anfassen, spüren ihre trockenen Schuppen, ihre Muskelstränge und das beachtliche Gewicht. Wir sehen auch, dass ihr Bauch etwas gewölbt ist. Die letzte Mahlzeit ist also nicht allzu lange her, daher die Trägheit. Dennoch ist der Llanero nicht erfreut, dass das Reptil so nahe an der Farm liegt. Denn Anakondas essen auch mal Hunde, Katzen oder Kleinkinder. Also steckt er sie in einen Sack, wirft diesen auf einen Jeep und ein paar hundert Meter entfernt lässt er sie frei. Essen wollen wir sie nicht. Dafür aber die Piranhas, die in der Tat grätig aber lecker sind.

In den Llanos, Venezuela. Foto: Wolfgang Bürkle

Besucht im September 2009.

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