Venezuela - Expedition zum Salto Angel

30.04.2013 14:12

Die kleinen Cessnas hatten uns für den Trip zum höchsten Wasserfall der Welt von Ciudad Bolivar zum Camp nach Uruyen geflogen. Schon beim Flug konnten wir aus ein paar hundert Metern Höhe den ersten Blick auf den sagenumwobenen Salto Angel werfen, der Wasserfall der 1933, vom Buschpiloten Jimmie Angel wiederentdeckt wurde. Nicht so spektakulär wie die Niagara-Fälle, nicht so gewaltig wie die Iguazú-Wasserfälle, aber eben höher als alle anderen. Ein breiter Strahl, vielleicht ein paar Meter, der sich fast einen Kilometer die Sandsteinwand eines Tafelbergs - dem Auyan-Tepui - in die Teufelsschlucht herunterstürzt, doch unten nur als fein zerstäubter Niesel ankommt. Wir wollten ihn aber nicht nur von oben sehen, wir wollten ihn erleben, ihn erfahren, uns gemeinsam mit Pemón-Indianer auf den Weg machen. Und zwar in Einbaum-Booten auf dem Rio Akanan, über mehrere Tage hinweg, fernab der Zivilisation.

Uruyen war der Startpunkt. Eine Ansammlung kleiner strohbedeckter Hütten, in denen sich die Kakerlaken wohlfühlten, über die rustikalen Betten und unsere Badehosen krochen. Direkt nebenan die gräserne Holperpiste, wo die Cessnas landen konnten, nur um ein paar Minuten später wieder der grünen Hölle entfliehen zu können. 

Die ersten beiden Tage der Tour verbrachten wir nicht nur in den Booten. Wir mussten Stromschnellen überwinden, kletterten auf ein großes Flugzeugwrack, das vor Jahrzehnten hier abgestürzt sein musste, aßen lebende Termiten, die nach Pfefferminz schmeckten und schliefen unter Holzverschlägen in Hängematten. Der Rio Akanan schlängelte sich vorbei an kleineren Wolken-umsäumten Tafelbergen, entlang belebter oder verlassener Indio-Dörfer, mal war der Dschungel dicht, mal säumte eine riesige Grasfläche das Ufer, mal riesige Felsblöcke. An unseren Rastplätzen genossen wir die erfrischende Kühle des Flusses und dann die Wärme des Lagerfeuers. Tukane und Aras begleiteten uns, nachts halfen gegen das grelle Zirpen der Grillen und das laute Rascheln der Blätter im nahen Dschungel nur Ohropax, der mitgebrachte Cola-Rum und die Erschöpfung, um sanft in den engen Hängemattenschlaf zu sinken.

Auf dem Weg zum Salto Angel in Venezuela. Foto: Wolfgang Bürkle

 

Der dritte Tag war natürlich ein heißer Tag. Wir hatten uns frühmorgens vom Camp El Arenal, nachdem unsere Indios ein paar Fische gefangen und ausgenommen hatten, wieder mit unseren Einbaumbooten auf den Weg gemacht. Das Trinkwasser im Kanister schmeckte nur noch nach den Entkeimungstabletten. Doch die Vorfreude überwog mittlerweile. Heute endlich würden wir vom Rio Akanan in den Rio Carrao und dann den Rio Churun einbiegen, der uns schließlich stromaufwärts zum Salto Angel führen würde. Also hatten wir unsere Siebensachen eingepackt, in den langsam dahinfließenden Wellen des Flusses noch schnell gebadet und die Boote mit ihren harten Holzbänke bestiegen. Die Schwimmwesten, die wir gar nicht erst anzogen, sondern direkt auf das Holz gelegt hatten, waren am dritten Tag ein Balsam für den Hintern.

Los ging es also, die Motoren der Boote wurden angeworfen, das Tempo langsam erhöht und schon brausten wir dem Ziel entgegen. Doch ganz so einfach sollte dieser Trip nicht werden. Bekanntschaft mit Stromschnellen und nur mühsam passierbaren Flussabschnitten hatten wir bereits reichlich in den vergangenen Stunden gemacht. Aussteigen, durch die sprichwörtliche Pampa laufen, die Pemón wuchteten derweil die Boote über Steine, dass war öfters als einmal passiert. 

Der Rio Churun war zudem noch flacher und komplizierter zu durchfahren als der Rio Akanan, besonders zur Trockenzeit. Als wir schließlich in die Teufelsschlucht in Richtung des höchsten Wasserfalls einbogen, bekamen wir das schon nach wenigen Minuten zu spüren.

Erst stiegen nur die Indios aus den Booten, um sie über vereinzelte höhere Stellen zu schieben und schubsen. Doch bald war auch dies nicht genug - und einige von uns packten mit an. Wenigstens hatte ich in aller Voraussicht meine wassertauglichen Trekkingsandalen und die Badehose am Morgen angezogen. Das knietiefe, von abgestorbenen Blättern bräunlich gefärbte Wasser war kühl, man konnte den Boden wegen der trüben Farbe allerdings kaum sehen. Ich spürte nur, dass überall große runde Kiesel waren, einige Stellen höher, andere tiefer gelegen, wie ein Bällchenbad mit harten scharfen Steinen. Ein vorsichtiges Vorantasten war angeraten, um nicht zwischen die Kanten zu rutschen. Die Indios hatten mittlerweile schon dicke Taue unter der Bootsplane herausgeholt und zogen vom Land aus die Holznachen der Strömung entgegen. Wir schoben derweil vom Wasser aus die Schiffe nach vorne, unsere Hände festgekrallt im Holz, mühselig ging es Meter für Meter weiter durch das flache Nass, bis wir wieder tieferes Terrain hinter riesigen Felsen erreicht hatten. 

An einer Stelle blieb ich an einem der spitzen Kiesel hängen und riss einen kleinen Teil der rechten Schuhsohle ab. Egal, die Sandalen waren schon alt und laufen ging auch so. Mit vereinten Kräften und unter dem aufmunternden Jubeln der Damen schafften wir es schließlich, die Boote durch die schwer schiffbaren Stellen zu manövrieren. Triefnass vom Wasser und vom Schweiß stiegen wir wieder alle ein, froh etwas geschafft zu haben und dem Ziel näher zu sein. Ich atmete tief durch und genoss die Aussicht auf die umliegenden Wälder, die grünen Moosflechten am Ufer, die Vögel und die vereinzelt durchscheinenden Tafelberge, die wie zerklüftete Grabsteine unser Erscheinen erdulden mussten. 

 

Auf dem Weg zum Salto Angel in Venezuela. Foto: Wolfgang Bürkle

Die Verschnaufpause dauerte allerdings nicht lang, denn schon hinter der nächsten Kurve lugte der steile Auyan-Tepui hervor. Die brummenden Motoren wurden aufgedreht, noch eine Kurve umschifft, in flottem Tempo brausten wir weiter, die Mützen hielten wir fest. Dann lag der Auyan-Tepui rechts vorne vor uns. Die Motoren wurden gedrosselt, bis sie nur noch leise vor sich hin summten. Denn von ferne nur trübe sichtbar, konnten wir ihn doch schon erkennen, den Salto Angel. Fast 1000 Meter in die Tiefe schoss er, der Strahl oben wie aus einem breiten Wasserhahn, unten eine zerstäubende Dusche. 

Ein Adler querte unser Blickfeld, keine Wolke trübte den atemberaubender Anblick des löchrigen Sandstein-Berges. Mit jeder Sekunde kamen wir ihm nun ein wenig näher, dem sagenumwobenen Angel Fall. Die atemberaubende Sicht begleitete uns die nächsten Flußkilometer bis zum Camp in Höhe des Tafelberges, von dem wir unser nächstes Abenteuer begannen - die Wanderung zum Fuß des Salto Angel.

 
Am Salto Angel in Venezuela. Foto: Wolfgang Bürkle
Besucht im September 2009.
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