Fratzen, Nackte, Schwarzhäupter und Freiheit: Unterwegs in Riga
15.01.2026 16:32
Ich bin ja ein Fan "alter Steine", also von Ruinen, Burgen, uralten Tempeln und vergleichbaren Relikten. Von Dingen eben, denen man ansieht, dass sie schon existierten, bevor Napoleon, Hitler, der IS, die Konquistadoren oder andere Despoten einzelne Länder und ganze Kontinente mit Chaos und Zerstörung überzogen. In Riga allerdings könnte ich fast zu einem Fan von nicht ganz so alten Steinen werden. Also im konkreten Fall von den Jugendstil-Fassaden hier in der Hauptstadt von Lettland. Denn laut Unesco hat Riga die "finest collection of art nouveau buildings in Europe". Ein logischer Grund also, sich diese einmal anzuschauen. Und den Rest der wirklich großen Stadt dazu. Denn viele der historischen Gebäude auch in der Altstadt sind nach dem Fall der Sowjetunion wieder aufgebaut, schön restauriert und unterstreichen den einstigen Reichtum der Hansestadt.

Ich bin an diesem Morgen in die Alberta iela (Straße) gelaufen – das Zentrum des Jugendstils in Riga. Und für viele das Mekka des Jugendstils überhaupt. Ziselierte Balkone, Fratzen, Fabelwesen und barbusige Frauen, die von Blumen umrankt sind, prangen an den Fassaden. Hier ein Löwe auf dem Dach, da filigrane Weinreben über einem Fenster. Schon ganz nett. Aber es berührt mich nicht. Die aufgesetzten Skulpturen erzählen keine kohärente Geschichte, sind in meinen Augen einfach nur Dekoration. Und ohne diese Jugendstil-Fronten sind die Häuser in der Alberta iela zumeist hässliche Klotzbauten, in denen mittlerweile Büros, Arztpraxen, Agenturen oder auch Botschaften untergebracht sind. Davon werde ich wohl doch kein Fan. Ich versuche mich dennoch, dafür zu begeistern und Zusammenhänge sowie Muster in den Fassaden zu erkennen. Denn nach diversen "Bares für Rares"-Sendungen kann ich zumindest die Faszination für Jugendstil nachempfinden. Organische Schönheit zu schaffen in einer wenig ästhetischen Welt. Also laufe ich noch durch ein paar weitere Straßen und mache Fotos der einzelnen Jugendstil-Motive. Vielleicht kann ich mich ja irgendwann doch mehr dafür begeistern.

Durch den Kronvalda-Park gehe ich dann zur eigentlichen Altstadt von Riga. Endlich alte Steine nach meinem Geschmack. Der Bastei-Berg, das Rigaer Schloss, das Ensemble der "Drei Brüder", die Jakobskasernen an der Torna iela – alles so schön alt (oder zumindest "auf alt" renoviert). Die "Drei Brüder" sind drei Häuser, die aussehen, als hätten sie sich seit Jahrhunderten gegenseitig ertragen müssen. Schmal, leicht schief, unterschiedlich alt, verschiedene Farben – und jedes mit seiner eigenen kleinen Macke. Der älteste Bruder stammt noch aus dem Mittelalter, die anderen haben im Laufe der Jahrhunderte wohl diverse Stilrichtungen ausprobiert, so als hätten sie sich nie ganz entscheiden können. Kleine Fenster, dicke Mauern, krumme Linien – genau das, was ich mir unter wohnlicher Gemütlichkeit im Mittelalter vorstelle.

Der wuchtige Pulverturm ist ein weiteres jahrhundertealtes Relikt, das aber heutzutage von hippen Restaurants umlagert ist. Man gibt sich eben Mühe in Riga, um den vielen Besuchern und knapp 600.000 Einwohnern etwas zu bieten. Klar findet man auch in der eigentlichen Altstadt diverse Jugendstil-Fassaden, aber eben noch viel mehr: den Dom etwa, oder die Petrikirche, von deren Turm man mit den schönsten Blick über die Stadt hat. Der Dom selbst ist ein architektonisches Patchwork aus Romanik, Gotik, Barock und allem, was die Jahrhunderte sonst noch so hergegeben haben. Aber genau das macht ihn spannend und entspannend zugleich. Der Kreuzgang etwa wirkt wie der leiseste Ort der Stadt. Und die Orgel im Dom – selbst wenn man sie nur sieht und nicht hört – ist mit über 6700 Pfeifen schlicht monumental.

Begeisterung steigt in mir auf, als ich den Rathausplatz erreiche. Ich weiß zwar, dass hier alles im Zweiten Weltkrieg zerstört und danach wieder aufgebaut worden ist, aber dennoch wirkt die Architektur in großen Teilen wie vor Jahrhunderten. Das rekonstruierte Rathaus auf der einen Seite, das geschichtsträchtige und bunte Schwarzhäupterhaus auf der anderen, dazwischen die Rolandsäule und der Instagram-optimierte "Riga"-Schriftzug. Einfach schick. Falls ihr euch fragt, warum das eine Haus nach "Schwarzhäuptern" benannt ist: Das war eine Vereinigung von Händlern im Baltikum, die den Heiligen Mauritius im Wappen trugen. Im Keller des Gebäudes wird die umfangreiche Geschichte nacherzählt, in den oberen Stockwerken hat man versucht, den einstigen Prunk wieder nachzubauen – nur eben barrierefrei.

Natürlich bleibt man in Riga irgendwann auch am Freiheitsdenkmal hängen. Selbst wenn man eigentlich nur kurz ziellos herumläuft oder dringend einen Kaffee sucht. Da steht es dann, über 40 Meter hoch, ernst, würdevoll, mit dieser goldenen Frau oben drauf, die drei Sterne in den Himmel hält. Sie stehen symbolisch für die drei Regionen Lettlands. Die Dame blickt nach Westen, kehrt Russland scheinbar den Rücken zu – da das Denkmal schon in den 1930er-Jahren errichtet wurde, hat es nun sowohl Nazis als auch Sowjets überlebt. Ihr Blick trifft an der nächsten Hausecke dafür direkt auf das goldene "M" der amerikanischen Burgerkette. Das Freiheitsdenkmal wird auch bei meinem Besuch von regungslosen Ehrenwachen bewacht. Stoisch lassen sie Menschengruppen mit Führern, Schulklassen und Passanten an sich vorüberziehen.

Riga funktioniert am besten dort, wo Geschichte nicht ganz so ordentlich geputzt, sondern einfach irgendwie da ist. Die Hauptstadt Lettlands ist ein gewachsenes Gesamtpaket. Mittelalterliche Hansestadt, barocke Kirchen, klassizistische Kaufmannshäuser und obendrauf diese massive Portion Jugendstil, die sich eben nicht nur in ein paar Vorzeigegebäuden erschöpft, sondern ganze Straßenzüge dominiert. Riga ist keine durchgehende Kulisse, kein abgegrenztes Freilichtmuseum, sondern eine Stadt, die über Jahrhunderte gewachsen ist, zerstört und dann wieder aufgebaut wurde. Trotzdem scheint sie ihren Charakter behalten zu haben. Man muss nicht jedes Detail lieben, nicht alles ist hübsch, aber es ist historisch relevant. Und wahrscheinlich genau deshalb Unesco-Welterbe.


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