Mittelalter-Mauern und Kirchtürme im Regen: Unterwegs in Tallinn
23.02.2026 11:30
Ich stehe auf der Kohtuotsa-Aussichtsplattform und überblicke die rotbraunen Dächer der Altstadt von Tallinn. Die Wolken hängen niedrig, es nieselt leicht. Vermutlich ist deswegen hier auch gerade recht wenig los. Ein paar tapfere Regenschirm-Träger noch, die sich aber nicht lange aufhalten. Die Glühweinverkäuferin am Eckhaus ruft vergeblich weitere Kunden herbei. Es ist eben Nebensaison für Estland, ich bin im November hier. Das spürt man - und das finde ich auch irgendwie gut. Denn auch Menschenmassen hätte ich in den durchaus engen Gassen von Tallinn nun mal gar keine Lust. Auf der Mauer vor mir spaziert dann alleine eine selbstbewusste Möwe auf und ab. Irgendwann wirft sie mir einen skeptischen Blick zu. Offenbar missfällt ihr, dass ich sie noch nicht gefüttert habe. Außer meiner Kamera und dem Handy habe ich aber auch nichts dabei. Als ich mich für ein Selfie näher an sie heranwage, wird es ihr zu doof und sie fliegt davon.

Hier, auf dem erhöhten Domberg, gibt es mehrere Plattformen, von denen man das mittelalterliche Tallinn gut in Augenschein nehmen kann. Das pittoreske Stadtbild, umgeben von der Turm-bewehrten Stadtmauer und geprägt von zahlreichen Kirchtürmen, ist zurecht Unesco-Welterbe. Tallinn ist ein richtig schmuckes Städtchen. Der Blick reicht bis zum Hafen, zur Ostsee, vielleicht an sonnigen Tagen sogar bis Finnland. Jenseits der Altstadt sind auch topmoderne Hochhäuser zu sehen, mit Büros und Shopping-Zentren drin. Bauarbeiten sind überall, die estnische Hauptstadt boomt eben wieder. Von hier ist sie zwar nicht zu sehen, aber einige Gassen hinter mir steht die Alexander-Newski-Kathedrale mit ihren dunklen Zwiebeltürmen, auf denen Goldkreuze prangen. Sie ist mein nächster Stop. Drinnen riecht es nach Weihrauch, alles ist gedämpft und golden, ein starker Kontrast zur kühlen, feuchten Luft draußen.

Während meines Besuchs der Stadt habe ich irgendwie das Pech, ständig von einer Seite der Stadt auf die andere zu wechseln. Im Zickzack laufe ich durch die Gassen, entweder, um zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein (Museum, Kirche oder Lokal), oder weil meine Unterkunft im Norden der Altstadt recht weit vom Domberg im Südwesten entfernt ist, ich aber zu unterschiedlichen Zeit auch unterschiedliche Fotos machen möchte. Gut, das habe ich mir selbst eingebrockt. Hätte ich mir aber auch vorher mehr Gedanken zu machen müssen. Aber so komme ich auf viele Schritte und entdecke auch immer wieder neues. Einmal komme ich an einer Demo vor der Russischen Botschaft vorbei, ein anderes Mal verlaufe ich mich schier in den historischen Bastionsgängen an und unterhalb der Kiek in de Kök, die ganz woanders enden, als ich es erwartet hatte. Die dicken Mauern dieser Festungsanlage erzählen von Belagerungen, Kanonenkugeln und einer Zeit, in der Tallinn alles andere als ein gemütliches Reiseziel war.

Gemülicher wird es erst, als ich später in einem Café in der Altstadt sitze, irgendwo zwischen Kopfsteinpflaster und Kerzenschein, und mir die Hände an einer Tasse heißem Kaffee wärme. Draußen ziehen Reisegruppen vorbei, ihre bunten Regenjacken spiegeln sich im nassen Stein. Schließlich kommt eine Schulklasse ins Café und ich kann direkt hören, dass sie aus Deutschland kommen. Tallinn ist eben populär bei uns - mit dem Flugzeug schnell erreichbar, nicht zu teuer. Und die Deutschen haben ihre Spuren in den Jahrhunderten hier hinterlassen. Tallinn war einst eine wichtige Hansestadt - Deutsch sogar über viele Jahre Amtssprache. Noch heute prägen Kaufmannshäuser mit steilen Giebeln, Lagerkellern und Innenhöfen das Bild. Ein bisschen Lübeck, etwas Hamburg und Rostock, dazu noch etwas russischer Einfluss und natürlich viel von der estnischen Kultur - fertig ist Tallinn.

Tallinn bewältigt es zudem ganz gut, moderne Elemente in die historische Architektur einzubringen. Im 500 Jahre alten Turm der "Dicken Margarethe" ist ein modernes Schifffahrtsmuseum untergebracht, in der Sankt-Nikolai-Kirche fährt man mit einem flotten Glas-Aufzug hoch in den Turm und im historischen Wasserflugzeug-Hangar am Hafen ist eine Museums-Erlebniswelt mit echtem U-Boot, Wasserflugzeug und einem Schiffswrack entstanden. Das Schloss Katharinental (Kadriorg), etwas außerhalb der Stadt, beherbergt ein modernes Kunstmuseum. Und natürlich sind in vielen äußerlich historsch wirkenden Gebäuden in der Altstadt moderne Wohnungen, Büros und Hotels zu finden. Auch mein Hotel ist irgendwie Teil der Stadtmauer, aber eben auch eine irgendwie hippe Unterkunft mit modernen Farben.

Tallinn hat natürlich viel zu bieten: Dutzende Museen, viele Kirchen, unzählige Kneipen und Bäckereien. Ich nehme mir Zeit und habe gar nicht den Anspruch, alles zu entdecken. Die "Tallinn Card" hilft zwar dabei, aber auch nach drei Tagen gibt es noch viel, was ich mir anschauen könnte, wenn ich mehr Zeit hätte. Letztendlich finde ich es dann doch schöner, mehr durch die Gassen zu gehen und nicht in jedes Museum zu rennen. Mehrfach laufe ich dabei über den Rathausplatz, immer zu einer anderen Tageszeit. Am Tage ein touristisches Zentrum, wirkt er abends wie eine geräumte Bühne nach der Vorstellung. Der gotische Bau des Rathauses steht dunkel und ruhig da, das spitze Türmchen ragt wie ein Zeigefinger in den Himmel. Die Restaurants am Platz sind gut besetzt, gedämpftes Lachen, klirrende Gläser. Viele Jahrhunderte hat dieser Platz schon gesehen, viele Touristen, viele Kaufleute, Bettler, Ritter, Adlige sind über das Kopfsteinpflaster gewandelt.

Am Ende meines Aufenthalts in Tallinn finde ich, dass sich der besondere Reiz der Stadt eben in der Nebensaison zeigt. Es scheint ruhiger, gelassener und gleichzeitig rauer zu sein. Ohne das sommerliche Gedränge bleibt Zeit und Raum für Beobachtungen, Umwege und kleine Zufälle. Ich fühle mich nicht gehetzt oder eingeengt von großen Touristengruppen, vollen Museen oder überlaufenen Aussichtspunkten. Ich kann die Stadt in meinem Tempo erlaufen und letztendlich vielleicht sogar ein irgendwie vielschichtigeres Bild der Stadt erleben. Wenn doch nur die Nässe und Kälte nicht so unangenehm wäre...



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