Ein Mysterium in Äthiopien: Steht die Bundeslade wirklich in Aksum?

01.10.2015 12:20

Jetzt verarsch mich nicht, dachte ich mir, als der Priester in der großen Kirche Maria von Zion in Aksum mir sagte, dass in der kleinen eingezäunten Kapelle draußen die Bundeslade sei. DIE Bundeslade? Also diese Kiste, wo die Tafeln mit den Zehn Geboten drin sein sollen - eben die, die Mose von Gott erhalten hat. Damals in der Bibel und so. Dieses Ding, nach dem schon Indiana Jones suchte. "Doch doch, sie ist schon seit Jahrhunderten bei uns", betonte der Priester. Aber sehen darf ich sie leider nicht. So wie alle anderen auch nicht. Denn nur ein einzelner Priester darf an und in der Kapelle sein - sein ganzes Leben lang ist er an diesen Ort gebunden, bis er kurz vor seinem Tod gemeinsam mit weiteren Priestern einen Nachfolger bestimmt. Eine Ehre für ihn. Und natürlich für alle anderen, die "unwürdig" sind, ein Problem: Denn nur diese eine Person weiß, was sich genau in der Kapelle befindet. Könnte ja auch nur eine normale Kiste sein. Doch andererseits: Wer würde nur für einen Mythos sein ganzes Leben danach ausrichten? Wenn es nicht die echte Bundeslade wäre, wieso gibt ein Mensch dafür sein bisheriges Sein auf? 

In dieser Kapelle in Aksum, Äthiopien, soll die Bundeslade liegen. Foto: Wolfgang Bürkle

Die Sache ist, dass das ganze Volk in Äthiopien fest daran glaubt. Gut zwei Drittel der 100 Millionen Äthiopier gehören christlichen Religionen an und sind davon überzeugt, dass die Bundeslade, eine vergoldete Truhe aus Akazienholz, über den Nil transportiert wurde und schließlich irgendwie irgendwann ins Königreich von Aksum kam - einst eines der mächtigsten Reiche der Welt. Jeder Äthiopier weiß das. In den über 35.000 orthodoxen Kirchen des Landes gibt es Nachbildungen von dem Behältnis (im äthiopischen "Tabot" genannt) , die auch an den hohen Feiertagen in Prozessionen gezeigt werden. Auf unzähligen Bildern ist die Lade verewigt. Die Menschen dort haben überhaupt gar keinen Zweifel daran, dass das wertvolle Stück bei ihrem Volk ist. Unter dem legendären Kaiser Haile Selassie schließlich wurde die aktuelle Kapelle errichtet, ein modernerer Nachfolgebau, direkt daneben, steht ebenfalls schon bereit. Irgendwann, so ist es geplant, wird der einsame Priester unbemerkt vom Rest der Welt die Lade in seine neue Behausung schieben. Vielleicht sagt er es in einen Tag später, vielleicht auch erst ein paar Wochen - so genau soll und darf es keiner wissen. 
 
In dieser Kapelle in Aksum, Äthiopien, soll die Bundeslade liegen. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Schon Forscher und Autoren wie Graham Hancock haben die Geschichte nachgezeichnet - und sagen, das die Möglichkeit durchaus besteht, dass sich die Bundeslade in Aksum befindet. Doch über das wie und wann gibt es unterschiedliche Variationen: Manche vermuten, dass die Lade nach dem Fall von Jerusalem im sechsten Jahrhundert vor Christi Geburt geraubt und nach Äthiopien gebracht wurde. Die meisten Äthiopier jedoch sagen, dass die Gefolgschaft von Menelik, dem Sohn König Salomons und der Königin von Saba (die aus dem heutigen Äthiopien stammen soll), sie gegen 975 vor Christus bereits mitgenommen hatte. In einer Kapelle auf einer Insel im Tana-See soll sie untergebracht gewesen sein, bevor sie nach Aksum kam. Menelik schließlich wurde berühmt als der erste Kaiser von Äthiopien - mit Haile Selassie endete die Dynastie nach knapp 3000 Jahren. Für mich bleiben da natürlich viele Fragen offen: Warum juckt das niemanden sonst auf der Welt? Wieso lässt sich der Papst nicht häufiger dort blicken? Wieso war Indiana Jones nicht in Aksum?
 
Die Bundeslade ist ein Grundstein unserer Religionen - ohne die Zehn Gebote hätte es vielleicht das Judentum und damit auch das Christentum und den Islam nie gegeben. Manche allerdings sagen, die Lade sei verschollen, andere behaupten, sie sei noch irgendwo im Tempelberg in Jerusalem. Und jetzt blicke ich auf diese Kapelle, sehe den Priester, der gerade mit einem anderen durch den Zaun spricht, und male mir aus, was wäre, wenn dort wirklich die echten Steintafeln liegen. Wäre das ein Gottesbeweis, den so viele Atheisten und Kirchenkritiker immer fordern? Wäre dieser Schatz bedeutsamer als das Grabtuch von Turin? Und was würde passieren, wenn ich jetzt einfach versuchen würde, über den Zaun zu klettern? Denn hier stehen keine zehn bewaffneten Männer herum, die die Kapelle vor möglichen Übeltätern schützen könnten, nur ein paar eher schmächtig aussehende Kirchenbedienstete. Aber natürlich tue ich das nicht, denn alleine die Idee, dass dort seit Jahrhunderten ein Geheimnis bewahrt wird, nötigt mir Respekt ab. Und ich muss wieder an Indiana Jones denken, bei dem aus der Lade nichts Gutes mehr heraus kam - dafür aber Todesengel. Die brauche ich dann wirklich nicht.  
Unser Guide in Aksum, Äthiopien, erläutert die Bundeslade. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Ich beobachte eine kurze Zeit den Beschützer der Bundeslade, der sich leise mit einem weiteren Priester unterhält. Ein kurzes Gespräch mit ihm? Ist nicht möglich, auch wenn ich viele Fragen hätte. Er redet nur mit wenigen Würdenträgern, kann auch kein Englisch. Der Priester, der mich durch die Anlage führt, ergänzt aber, das der Mann viel betet, Weihrauch und Myrrhe räuchert und eben das Leben eines enthaltsamen Menschen führt. Ich weiß nicht, ob ich ihn bedauern oder bewundern soll. Nachdenklich stimmt diese Erfahrung allemal. 
 
Die Bundeslade soll Wunder vollbringen können, Sie soll einst das israelitische Volk in Kriegen zu Siegen geführt haben, sie soll Armeen zerstören und Berge einebnen können. Sie gilt als Symbol des Bundes zwischen Gott und den Israeliten. Vielleicht vollbringt die Lade nun auch das Wunder, unbehelligt Jahrtausende lang in Äthiopien zu bleiben. Welchem Zweck auch immer sie nun dienen mag. Ein Mysterium, eine Glaubenssache, die hier unzählige Menschen verbindet. 
Oberhalb von Aksum, Äthiopien. Foto: Wolfgang Bürkle
 
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