Geh doch hin, wo der Schnittlauch wächst: Irgendwo in der Mongolei

28.08.2015 10:41

Ich stehe im Nirgendwo. Nicht im Nichts, aber da, wo es gefühlt fast nichts gibt. Alles was ich sehe, ist der Himmel über mir und die karge Steppe mit ein paar grünen Tupfern vor mir. Wenn hinter mir nicht der graue UAZ-Furgon-Geländewagen stehen würde, könnte ich mich um 360 Grad drehen, ohne ein Haus, eine Straße, ein Tier, oder Berge zu sehen. Es gäbe einfach nur die zweigeteilte Sicht: oben Himmel, unten Erde - bis in die Unendlichkeit. Ich fühle mich gleichzeitig winzig und doch riesengroß, die pure Existenz. Als ob ich für kurze Zeit das einzige Lebewesen im Universum bin. 

In der Mongolei. Foto: Wolfgang Bürkle

Na klar: Die Mongolei bedeutet Landschaft pur. Jeder weiß das. Und genau das ist auch einer Gründe, warum man dort hinfährt. Aber es gibt nicht nur weite Steppenlandschaften -  es gibt schneebedeckte Berge hinter glasklaren Seen, es gibt grüne Wälder mit Rentieren, Wüsten und Schluchten. Und total verrückt: In der Wüste Gobi wächst hektarweise wilder Schnittlauch. So weit man blickt, überall kleine grüne Büschel. Bis auf die Tiere, die sich davon ernähren, juckt das aber niemanden. Keiner will ihn pflücken, keiner will ihn verkaufen. 

In der Mongolei. Foto: Wolfgang Bürkle

Die Strecken in dem Land, das über viermal so groß ist wie Deutschland, ziehen sich. Verkehrsschilder gibt es kaum, und wenn, dann nur in kyrillischer Schrift. Kuhwarnschilder sieht man jedoch häufiger an den wenigen ausgebauten Straßen. Die Orientierung erfolgt vor allem Überland mit Hilfe der Strommasten, den Bergen, Dörfern und Flüssen. Die Schotter- und Matschpisten schlängeln sich durch die Berge. Wie die Beatles schon sangen: The long and winding road. "Road" wäre allerdings als Begriff nur ein Annäherungsversuch, denn eigentlich suchen sich Fahrer in der Mongolei zumeist nur eine Furche im Boden mit möglichst wenigen Querfurchen. Ziegenherden fressen die Hänge kahl. Pferde necken sich. Backenhörnchen, Murmeltiere und Erdmännchen flüchten vor unseren Furgons in ihre Erdlöcher. Wolken werfen ständig wechselnde Schatten auf die Berge. Und immer wieder wächst Schnittlauch. 

In der Mongolei - Erdene Zuu bei Kharkhorin. Foto: Wolfgang Bürkle

Vereinzelt zeigen sich Baumwipfel oder sogar ganze Wäldchen am Rand der Bergketten. an den Seen und an den Füßen der Vulkane. In der Gobi kommen knorrige Saxaul-Bäumchen vor. Die Erde schimmert im ganzen Land braun, grau, lila, ocker und rot. Abgefahrene und geplatzte Reifen zeugen alle paar Kilometer von der überdurchschnittlichen Asphaltlosigkeit der Wege. Auf Passhöhen haben die Mongolen unzählige Obo-Steinhaufen aufgeschichtet, fast immer mit blauen Tüchern, leeren Wodka-Flaschen und Nippes-Figürchen geschmückt. Es stinkt nach vergammelter Milch, denn die Reisenden erhoffen sich vom Besprenkeln mit Milch, vom dreimaligen Umrunden und vom Hinterlassen einer Plastikfigur oder eines weiteren Steins eine sichere Reise. Aberglaube trifft hier auf lamaistische Religion. Interessant sieht es dennoch aus, wenn irgendwo im Nirgendwo plötzlich ein zwei Meter hoher Steinhaufen aufragt, in dem sich eine solarbetriebene Miniatur-Gebetsmühle dreht. 

In der Mongolei - Wüste Gobi. Foto: Wolfgang Bürkle

Zwar versuchen sich auch einfache Kleinwagen mehr oder weniger erfolgreich an den halsbrecherischen Strecken, Allrad-Fahrzeuge haben es in der Mongolei jedoch deutlich leichter. Denn bei Regen verwandeln sich die tiefen Erdfurchen in glitschigen Matsch, viele kleinere Autos schliddern herum oder bleiben stecken. Wie praktisch sind da unsere alten UAZ Furgons, die aussehen, als hätte sie ein Dreijähriger mal eben schnell gekritzelt. Ein schlichter grauer Kasten auf vier Rädern. Eingerostete Türen, lose Sitze, aber zumindest ist das Dach innen gepolstert. Den Benzingeruch im Innenraum kann der uralte Wunderbaum auch nicht überdecken. Viele Leitungen hängen heraus und nur der Fahrer weiß offenbar, zu was die diversen Umbauten taugen. Das Kuppeln kann man da schon mal sein lassen, schalten lässt sich trotzdem - und bergab wird bei 60 Stundenkilometern gelegentlich der Motor ausgeschaltet, um Sprit zu sparen. Spätestens beim dritten Anlassversuch sollte die Maschine auch wieder anhüpfen. Und wenn der Fahrer gerade keine mongolischen Weisen singt, testet er die neue Hupe oder weicht einem spitzen Stein aus. 

Pferde in der Mongolei. Foto: Wolfgang Bürkle

Der Weg ist das Ziel - genau das wird in der Mongolei deutlich. Gelegentlich wird die endlose Landschaft von ein paar Jurten unterbrochen. Die Tür immer nach Süden gerichtet, weiß man hier auch bei dichtem Nebel, in welcher Richtung das Ziel sein mag. Aus den grünen Wiesen und Schnittlauch-Feldern stechen die weißen Gers heraus, wie Schiffe aus dem wogenden Meer. Ein Gruß wird zaghaft erwidert, die Mongolen sind gastfreundlich, aber zurückhaltend. Vielleicht kommt das von der Einsamkeit in diesem riesigen Land, wo der nächste Nachbar kilometerweit entfernt ist. Spätestens, wenn man den Trubel der Hauptstadt Ulaan Baatar wieder sieht, fällt einem auf: die Einsamkeit der Steppe bedeutet Freiheit. Zeit und Entfernungen spielen hier keine Rolle.

In der Mongolei. Foto: Wolfgang Bürkle

 
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