In Georgiens Hauptstadt Tiflis: Überraschungen an jeder Ecke

14.09.2017 12:16
 
Kathedrale in Tiflis, Georgien. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Natürlich tun mir die Füße weh. Immer, wenn ich stundenlang durch eine Stadt laufe, möglichst viele Winkel von ihr erkunden will. Irgendwann meldet sich erst der eine Fuß, dann der andere. Nach weiteren Kilometern, weiteren Straßen und Plätzen melden sich dann die Waden. Und das tun sie auch jetzt, wo ich in der Sameba-Dreifaltigkeits-Kathedrale stehe - dem Hauptsitz der Georgischen Orthodoxen Apostelkirche in Tiflis. Ein Gottesdienst wird gerade abgehalten, die riesige Kathedrale ist ordentlich mit Gläubigen gefüllt. "Überraschung", dachte ich, schließlich wollte ich eigentlich nur das Gebäude anschauen und hatte nicht damit gerechnet, dass am frühen Abend hier so lautstark in einem vollen Haus gebetet wird. Ich habe mich entsprechend relativ weit hinten hingestellt - gesessen wird in den lokalen Kirchen so gut wie nicht. Patriarch, Bischof und Priester singen, beten und prozessieren Weihrauch-schwenkend durch die Halle; verstehen tue ich freilich nichts vom Sermon. Dennoch verfolge ich für einen Augenblick das Geschehen, beobachte die Besucher, die mitunter auf dem Marmor knien, die Hände gefaltet, manche mit einem bittenden Blick gen Himmel. Da die Waden aber zwicken und ich noch zurück auf die andere Seite des Flusses muss, schleiche ich mich nach einigen Minuten an den Menschenmassen vorbei wieder nach draußen. Von der Kirchenplattform aus kann ich die untergehende Sonne und den Südteil der Stadt sehen, mit der Festung, der monumentalen Skulptur "Kartlis Deda" und der Altstadt. Vorwärts geht's, mit forschem Schritt, weiter erkunden.

Blick über Tiflis, Georgien. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Kirchen gibt es in der georgischen Hauptstadt zur Genüge. Alte und neue, große und kleine, prunkvolle und unscheinbare. Ein paar von ihnen besuche ich auf meinen Wegen durch die Stadt am Kura-Fluss, die lieber europäisch als asiatisch wäre. Fragt man die meisten Menschen hier, sehen sie sich als Europäer - nicht nur vom Gefühl her, auch von der Mentalität. Die orthodoxen Kirchen und Jugendstil-Villen könnten genausogut in Griechenland oder Paris stehen, die Weinkultur verbindet man wohl eher mit Frankreich und Italien, doch in Georgien, der "Wiege des Weins", ist sie viel ursprünglicher. Einen guten Tropfen gibt es überall, in vielen Weinstuben, die sich an allen Ecken in Tiflis finden. Das Europäische zeigt sich in Kleidung, Verhalten und der Architektur - vieles bei meinem Streifzug durch die Stadt erinnert mich eher an Prag als an Teheran. 
 
Blick auf Tiflis, Georgien. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Den besten Blick auf Tiflis gibt es von den Überresten der Narikala-Festung oberhalb der Altstadt. Von hier sieht man die ganzen Kirchtürme und den Fluss, das Parlament und den Rike-Park mit den beiden riesigen Metallröhren, die einst Konzerte und Ausstellungen beherbergen sollen. Ein Sammelsurium aus alt und neu breitet sich vor mir aus. Rechts die Schwefel-Bäder, die seit Jahrhunderten betrieben werden, ganz links verliert sich die Stadt in ihrer Größe am Horizont. Eine Seilbahn verbindet den Rike-Park mit dem Festungsberg - eine Abkürzung, die nicht nur von Touristen gerne genutzt wird.  
 
Brücke in Tiflis, Georgien. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Problemlos lassen sich mehrere Tage in der Stadt verbringen, die einen immer wieder aufs Neue überrascht. Vor allem die unscheinbaren Keller erstaunen immer wieder. Hätte mich nicht jemand darauf hingewiesen, hätte ich die grandiose und günstige Bäckerei nahe der Sioni-Kathedrale niemals entdeckt. Tief unter der Straße werkelt hier ein Bäcker vor einem riesigen Rundofen, in einer alten Auslage liegen riesige Teigfladen mit Bohnenpaste und Chatschapuri, das typische Käsebrot. Da die ältere Dame hinter dem Tresen der englischen Sprache kaum mächtig scheint, bestelle ich mit eifrigem Händewinken und für günstiges Geld eine Tüte voller Leckereien. Vor mich hin kauend laufe ich durch Parks, an modernen und maroden Gebäuden vorbei, weiter quer durch die Altstadt in Richtung Nationalmuseum. 
Turm in Tiflis, Georgien. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Auf dem Weg gehen die Überraschungen weiter: Ein gutes Beispiel ist der Turm des Marionettentheaters - nichtsahnend ging ich aus der alten Antschischati-Basilika hinaus und um eine Straßenecke, da stand dieser merkwürdige Turm vor mir, krumm und schief, mit einer riesigen Uhr, bunt verziert und mit einem eigenen Marionettenkarussell oben drin. In Disneyland würde er nicht weiter auffallen, zwischen den historischen Gebäuden der Tifliser Altstadt wirkt er allerdings wie ein lustiger Clown im ernsten Gottesdienst. Dass die Stadt nicht in der Vergangenheit leben will, zeigt nicht nur die entstehende Metallrohr-Konzerthalle. Die bogenförmige Friedensbrücke etwa, die 2010 eröffnet wurde, erinnert an ein Raumschiff und glitzert in der Nacht mit 30.000 LEDs über dem Kura-Fluss, der hier auch Mtkvari genannt wird. Überall in der Stadt findet man alte und neue Skulpturen, wie den Zeremonienmeister "Tamada" oder die gigantische Statue Kartlis Deda (die "Mutter Georgien"), die Aspekte der georgischen Geschichte aufgreifen - oder auch einfach nur zum Schmunzeln sind, wie der Lampenanzünder. 
 
Der Tameda in Tiflis, Georgien. Foto: Wolfgang BürkleIn Tiflis, Georgien. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Zwei Tage reichen gerade mal für die Höhepunkte der Stadt. Ich wandere ein bisschen herum, lasse mich treiben, schaue mir die Auslagen der Geschäfte in den verwinkelten Gassen an, die deutlich westlichen Einfluss und auch die entsprechenden Marken zur Verfügung haben. Den Einfluss der Sowjetunion merkt man schon noch - aber in der lebhaften Stadt vergisst man die aktuellen Konflikte mit Russland um Abchasien und Südossetien nur allzu gerne. Aus vielen Kellern unter den Wohnhäusern dringt Musik und Gelächter, hier finden sich die Gaststätten und Clubs. In den Straßen um den Meidan (der Vachtang-Gorgasali-Platz) trifft sich scheinbar die ganze Welt. An der einen Ecke ein Strip-Club, an der anderen eine Weinbar, dazwischen Cafés und Galerien. Um dem Trubel hier zu entfliehen, gehe ich am Abend wieder zur Festung hoch, die nur wenige Gehminuten entfernt ist. Wenn die Sonne verschwunden ist und die Stadt durch unzählige Lichter erhellt wird, möchte man sich ein Glas Wein nehmen, die vom Laufen schmerzenden Beine hochlegen und einfach nur die winzigen Menschen und Autos beobachten, die sich unter einem wie fleißige Ameisen tummeln. 
 
Blick über Tiflis, Georgien. Foto: Wolfgang Bürkle
 
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