Iran - Wo Religion Hoffnung und Hürde ist

16.04.2014 10:35

Ist es einfach nur Machtbesessenheit? Oder ist doch die Religion schuld? Am Frieden, am Krieg. Israel gegen Palästina, Boko Haram gegen Christen, Jihadisten gegen Alawiten, Scientology gegen Vernunft, Taliban gegen USA, Joseph Kony gegen alle. Extremismus, Fanatismus, Terrorismus - egal, wohin man blickt. Auf der anderen Seite der unerschütterliche Hoffnungsglaube. Ökumene, Toleranz, Jubel, Besinnung, Einigkeit bei Kirchentag, Pilgerfahrt und Massentaufe. Die Hoffnung auf eine Zukunft nach dem Tod ist immer da. Die Hoffnung auf Frieden auch, aber da gibt es eben die Eitelkeiten und Engstirnigkeiten, die gesuchten und konstruierten Abgrenzungen gegenüber Andersdenkenden.

Das Grabmal von Kyros dem Großen steht heute noch in den Überresten der altpersischen Residenzstadt Pasargadae im Iran. Der Achämenide Kyros soll einst die erste Menschenrechtserklärung der Welt verfasst haben. Als Herrscher habe er sich bereits im 6. Jahrhundert vor Christus für Glaubensfreiheit eingesetzt. Allerdings weiß man bis heute nicht genau, ob er Zoroastrier oder Mithras-Anhänger war. Kyros der Große erlaubte jedoch den Juden, nach dem Sieg über Babylonien in ihre Heimatländer zurückzukehren und ihre Religion auch in Persien frei auszuüben. Nicht zuletzt unterstützte er sie beim Bau des zweiten Tempels in Jerusalem. 


Das Grabmal von Kyros dem Großen bei Pasargadae im Iran. Foto: Wolfgang Bürkle
Noch heute, selbst nachdem Persien mehrfach von Mongolen, Osmanen und anderen Völkern besetzt und zerstört wurde, ist der Islam im Iran mit seinen knapp 78 Millionen Einwohnern zwar dominierend, aber nicht so erdrückend wie etwa in Saudi-Arabien. Denn die Tradition der persischen Geschichtsschreibung seit Kyros dem Großen wird hochgehalten - die Tradition der Toleranz gegenüber anderen Religionen. Christen, Juden und Zoroastrier können heute im Iran vergleichsweise friedlich leben. Sie werden vom Staat offiziell anerkannt, auch wenn sie nicht in allen Aspekten des öffentlichen Lebens gleichgestellt sind. Von Religionsfreiheit und -gleichheit allerdings kann man nicht sprechen. Präsident kann nur werden, wer schiitischer Muslim und männlich ist. Unter dem früheren Präsident Ahmadinedschad kam es häufiger zu willkürlichen Festnahmen von Nicht-Muslimen und muslimische Hardliner hetzten manchmal öffentlich gegen Juden und Christen. Andere Religionen, etwa die Bahai, sind direkten Repressionen ausgesetzt - wobei sich die Situation seit der Wahl von Hassan Rohani augenscheinlich etwas verbessert hat. Genaue Statistiken gibt es nicht, Und Berichte von Verfolgungen haben häufig einen subjektiven, mitunter polemischen Einschlag.  

Wir sind in Isfahan, im Feuertempel bei einem Priester der zoroastrischen Gemeinde. Wir haben die Schuhe ausgezogen, der Boden ist kalt. Eine kleine Flamme flackert im Erker hinter einer Glasscheibe - sie ist das Symbol der Gottheit. Der Priester erzählt uns von seinem Glauben, vom Religionsstifter Zarathustra, vom Schöpfergott Ahuramazda, den vier Elementen, vom Dualismus aus Gut und Böse. "Jeder hat die Wahl zwischen guten und bösen Taten. Das macht den Menschen aus", betont er. Gut handeln, gut denken, gut sprechen, darum geht es. Nach dem Tod gehen wir in den vier Elementen auf, kein Paradies, keine 72 Jungfrauen, kein ewiges Martyrium. Doch was ist gut, was ist schlecht? Auslegungssache. Dennoch, Gewalt und Krieg wird von Zoroastriern abgelehnt. 300 Mitglieder hat die Gemeinde, in ganz Iran gibt es noch etwa 20.000 Anhänger des Zoroastrismus. Missionieren dürfen sie nicht - wer Zoroastrier werden will, muss entweder damit groß geworden sein oder sich aktiv dafür entschieden haben. Ihnen stehen die knapp 78 Millionen Muslime entgegen, zum Großteil Schiiten. Von Unterdrückung oder einer ungerechten Benachteiligung will der Priester uns gegenüber nichts wissen. "Wir kommen gut mit den anderen Religionen aus", sagt er. Regelmäßig gibt es gemeinsame Treffen. Für ihn gibt auch es keinen Glaubenskrieg, er lebt in seiner philosophischen Auslegung von Gut und Böse. "Das Leben ist ein Spiel", ergänzt er noch und unterstreicht damit eine gewisse Abgestumpftheit.  


 Die Kathedrale der armenischen Gemeinde in Isfahan im Iran. Foto: Wolfgang Bürkle
Christen können im Islam auf eine aufregende Vergangenheit blicken. Und im Gegensatz zu Ägypten, Saudi-Arabien, Syrien oder dem Irak, wo Christen derzeit coram publico unterdrückt werden, können sie im Iran noch auf ein bisschen Toleranz und Schutz setzen - jedenfalls solange sie nicht vom muslimischen Glauben zum Christentum konvertiert sind. In Isfahan gibt es eine rege armenische Gemeinde. Die Kathedrale mit ihrer runden Kuppel platzt förmlich vor bildlichen Darstellungen aus der Bibel. Bunt und überladen zeigt sich das Innere des Gotteshauses - von der Schöpfungsgeschichte bis zur Kreuzigung Jesu reichen die Wandgemälde. Im Gedächtnis bleiben die expliziten Folterdarstellungen an armenischen Märtyrern. Direkt gegenüber im Museum findet sich eine bedeutsame Sammlung alter Bibeln und Gemälde. Und im Hof erinnert ein Denkmal an den Völkermord an den Armeniern in der Türkei 1915. Viele flüchteten in den Iran - und werden toleriert, auch weil der Iran und Armenien gute politische Beziehungen pflegen. Der iranische Staat unterstützt sogar viele christliche Gemeinden finanziell, auch wenn in der westlichen Welt lieber dann berichtet wird, wenn ein Christ für das Bibelverteilen ins Gefängnis muss oder gehenkt wird, weil er demonstrativ vom Islam konvertierte. Das Tor der armenischen Kathedrale in Isfahan allerdings steht weit offen - und auch der Bischof spaziert munter und freundlich durch die Kathedrale.  


Bei einem Ajatollah in Quom im Iran. Foto: Wolfgang Bürkle
In Quom, einer Hochburg der islamischen Lehre, treffen wir Ajatollah Ajazi. Den Boden der Bibliothek bedecken bunte handgeknüpfte Teppiche, die Wände sind voll gestopft mit Büchern, darunter auch einige Bibeln. Er spricht leise, bedächtig, lässt sich Zeit beim Überlegen. Der Ajatollah erzählt von seiner Arbeit, den Koran-Forschungen, seiner Lehrarbeit, dass er häufiger im Ausland zu Konferenzen eingeladen wird. Natürlich dreht sich die Diskussion mit uns auch um die leidige Kopftuchpflicht im Iran. Wie oft muss er darauf schon von Ausländern angesprochen worden sein. Muslimische Frauen sollten eines tragen, sagt er. Eine Pflicht allerdings sollte es seiner Ansicht nach nicht sein. Mit dieser Haltung hat er sich schon bei den Hardlinern unbeliebt gemacht. Das Gespräch dreht sich weiter um die Problematik der Verbindung von Staat und Religion. Irgendwann geht es um Jesus, um Maria, um den Einen Gott, den Koran und die Verbindung zwischen allem. Ajatollah Ajazi wirkt tolerant und progressiv, kann im Gespräch mit uns aber auch nicht wirklich anecken. Dennoch zeigt seine Glaubensauslegung nichts von dem, was man im Ausland von einem Ajatollah erwarten würde. Kein Schimmer von Hass oder Überlegenheitsdenken.

Was bleibt nach diesen Begegnungen? Ich habe im Iran keine gefolterten, verstümmelten oder gehenkten Christen gesehen. Ich habe keinen Muslim gesehen, der auf uns Nicht-Muslime verärgert reagiert oder uns beschimpft hat. Wir durften Moscheen, Tempel und Kirchen gleichermaßen betreten, die Menschen reagierten offen, freundlich, neugierig auf uns. Ein Widerspruch zu dem, was etwa der sogenannte Weltverfolgungsindex belegen will, in dem der Iran jährlich unter den Ländern ist, in denen Christen am Stärksten verfolgt werden. Die Desinformationsmaschinerie ist kein iranisches Problem, sondern genauso ein amerikanisches und deutsches. Wer das Land als Tourist bereist, wird nicht nur verblüfft sein, wie nett die Menschen sind, sondern auch feststellen, dass die meisten Iraner in einem freien Land leben wollen, keine Fanatiker sind, sich von der harten Islam-Linie der Regierung zunehmend distanzieren und sich langsam aber sicher ein gesellschaftlicher Wandel vollzieht. Eine neue friedliche Revolution - und keine wie in Ägypten oder Libyen missratene Arabellion - wäre wünschenswert.

Moschee im Iran. Foto: Wolfgang Bürkle

Zum Weiterlesen:
IranAnders: http://irananders.de/
Gesellschaft für bedrohte Völker: http://www.gfbv.de/
Evangelische Allianz Deutschland http://www.ead.de
Open Doors: http://www.opendoors.de
Transparency for Iran: http://www.transparency-for-iran.org

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