Nachts in der Hängematte: Wenn der Dschungel in Venezuela ein Konzert gibt

15.06.2016 11:17
Kaum hatte ich mich in die Hängematte gelegt, erwachte der Dschungel zum Leben. Das Moskito-Netz hatte ich drüber gestülpt, die dünne Decke über meine Beine gelegt. Die anderen Mitreisenden schliefen schon - hier im Dschungel von Venezuela, im Schatten eines riesigen Tepui-Tafelberges. Auf dem beschwerlichen Weg zum höchsten Wasserfall der Welt, dem Salto Angel, sind die handgeknüpften "Hamacas" der angenehmste Bettersatz. Durchaus bequem und sicher, wenn man denn richtig drin liegt. Also irgendwie quer und nicht mit gerundetem Rücken. Mit dem zusätzlichen Moskito-Netz drüber ist es eine wirksame Festung, einen Meter über dem Boden, gegen all die beißenden, stechenden und krabbelnden Tiere, die nachts im Dschungel über einen herfallen wollen. Wir hatten unsere Hängematten in einem offenen Verschlag mit vielen Pfeilern aufgehangen, zu allen Seiten offen, nur mit einem Holzdach drüber. 
 
Unterwegs in Venezuela, auf dem Weg zum Salto Angel. Foto: Wolfgang Bürkle
  
Die Geräusche, die hier im Dunkeln tönen, sind eigentlich kaum beschreibbar. Mit geschlossenen Augen zieht ein Horror-Film erster Güte durch die Gedankenwelt. Aber nichts kann einen auf die Wirklichkeit vorbereiten, die einer blühenden Fantasie noch mehr Platz zum Ausschweifen geben. In dem ganzen Lärm des Regenwalds konnte ich Motorsägen hören, schleifende Auto-Kupplungen, schreiende Babys und weinende Frauen. Ich hörte verrücktes Lachen, eine Espresso-Maschine, kochende Wassertöpfe und irgendwie noch Bohrer, gemischt mit dem Rascheln von Chips-Tüten. Ein verrücktes Konzert jede Nacht.
 
Das ist das Problem im Dschungel. Wie beim Wolken-Schauen geht hier die Fantasie mit einem durch. Die ganzen unterschiedlichen Geräusche von mir unbekannten Tieren und Pflanzen lassen Bilder im Kopf entstehen, mit denen man die Töne in Verbindung bringt. Zudem werden die Laute immer mal wieder leiser und lauter, es gibt keine Konstanz. Man schläft zu einem wütenden Orchester ein und wacht ein paar Stunden später zu raschelndem Rauschen wieder auf. Irgendwann schließlich vermischt sich die Realität mit dem Eingebildeten. Vielleicht war es auch in dieser Nacht so.
 
Unterwegs in Venezuela, auf dem Weg zum Salto Angel. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Ich wachte plötzlich auf. Ich wusste nicht wieso, aber mit einem Mal war ich hellwach. Und um mich herum war nur Stille. Mein Herz raste, ich hörte das Blut durch meinen Kopf pumpen, ich schwitzte. Die Decke zog ich ein wenig zur Seite. Auf einmal knirschte es im Dschungel. Ein auffallendes Knacken. Ich wagte nicht, mich weiter zu rühren. Dann ein Geräusch, wie ein leises Schnurren. Oder wie ein stockender Motor. Der Fluss war auf der anderen Seite von uns, hundert Meter entfernt, ein entferntes Boot konnte es also nicht sein. 
 
Bis jetzt galt meine Aufmerksamkeit eigentlich eher den stechenden Moskitos und den beißenden Ameisen. Große Tiere sind in der Regel scheu und flüchten vor polternden Reisenden. Doch dieses Schnurren schien nun immer näher und näher zu kommen. Schliefen denn die anderen so tief und fest, dass sie nichts hörten? Oder hatten sie das Schnurren auch vernommen und wagten nicht, sich zu rühren? Ich sagte keinen Ton, atmete flach. Das Geräusch verstärkte sich, dann plötzlich ein leises Knacken, vermutlich von einem Ast. Das Schnurren stoppte. War es ein Jaguar, der von unserem Camp angelockt wurde? Hatte er die Reste des Abendessens gerochen? Oder das Blut der unzähligen Stiche, die wir schon davongetragen hatten? Da ich still auf dem Rücken lag, konnte ich in der Dunkelheit, die meine Augen noch erfassen konnten, nichts erkennen. 
 
Unterwegs in Venezuela, auf dem Weg zum Salto Angel. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Nach ein paar Sekunden Stille raschelte es erneut, das Schnurren wurde jedoch leiser, verschwand schließlich. Ich atmete erleichtert auf. Auch das Geräuschkonzert im Dschungel schwoll wieder an. Einer der Mitreisenden begann zu schnarchen. Scheinbar war niemand sonst von meiner Gruppe aufgewacht. Wenn es ein Jaguar war, hatte er wohl kehrt gemacht. Vielleicht waren ihm die in Hängematten aufgehängten Körper suspekt. Vielleicht konnte er die Wärme unserer Haut nicht einordnen. Vielleicht hatte er schon einmal schlechte Erfahrung mit Menschen gemacht. 
 
Ich konnte nur unruhig wieder einschlafen. Am Morgen wühlte ich mich aus der Hängematte, schüttelte die Schuhe aus, aus Vorsicht vor Skorpionen und Spinnen, schlüpfte hinein und ging zu den anderen, die am neu entfachten Feuer standen. Niemand sprach davon, dass er in der Nacht etwas Ungewöhnliches gehört hatte. Ich sagte auch nichts. Vielleicht war ich der Einzige, der das Schnurren in der Nacht gehört hatte. Und vielleicht war es auch nur ein Traum gewesen.
 
Unterwegs in Venezuela, der Salto Angel. Foto: Wolfgang Bürkle
 
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