Wandern in Nepal - Auf dem Sarangkot bei Pokhara

25.03.2013 16:55

Wie eine Haifischflosse bohrt sich der heilige Berg Machapucharé in den Himmel über Pokhara. Er dominiert die Landschaft hier am Rande des Annapurna-Massivs und spiegelt sich am frühen Morgen, wenn die Wolken noch nicht die Sicht versperren, im ruhigen Phewa-See. Zum Machapucharé zu tauchen, wäre ebenso vergeblich, wie ihn zu erklimmen: Die Regierung Nepals hat die Besteigung des "Fischschwanzes", so der Name übersetzt, aus religiösen Gründen verboten - der Berg gilt als Sitz des Buddhas des grenzenlosen Lichts. Wir halten uns dran. So laufen wir eben weit von ihm entfernt, aber doch fast immer den Blick darauf haltend. Wir wandern entlang des vergleichsweise niedrigen Bergmassivs oberhalb von Pokhara, dem Sarangkot, auf etwa 1600 Metern Höhe, mehrere Stunden lang. Der Bus hat uns zum Ausgangspunkt gebracht, da wo die Straße durch ein Dorf geht und ein paar Nepalis sich auf einer Bank sonnen. Wanderer gibt es hier viele, Pokhara ist ein Paradies für sie, überall gibt es Ausrüstungsgeschäfte mit mehr oder weniger echtem North-Face-Equipment, mit Guides, die ihre Dienste für Wanderungen aller Art anbieten, und mit Hotels und Gasthäusern, die als Basis für Annapurna-Expeditionen dienen. 

Wir bevorzugen die relaxte Marsch-Variante entlang des Hausberges, ein paar Stunden nur, normale Wanderschuhe reichen, ein kleiner Rucksack vielleicht mit Wasser und einem Pulli drin. Los geht es über einen geschotterten Weg, Wellblech-gedeckte Hütten links und rechts. Wir kommen an einem kleinen See mit einem Tempel dran vorbei, am Ufer sitzt eine Frau im langen Sari, die mit ruhigen Händen ihre Wäsche mit ein wenig Seife in dem ansonsten klaren Wasser wäscht. Einige Meter weiter hat es sich eine alte Nepalesin auf einer Bruchsteinmauer bequem gemacht, sie lässt ihre Beine herunter baumeln, ihre braungebrannten faltigen Hände sortieren die Blätter von Kräutern, die sie zuvor gesammelt hat. Unter ihrem Kopftuch zwinkert sie uns zu, sie reicht mir ein dünnes Blatt, es ist duftendes Zitronengras. Den Weg weiter, die Häuser werden weniger, auf der rechten Seite rückt der malerische Phewa-See am Fuße des Sarangkots weiter in den Blick. Er breitet sich unter den terrassenförmig angelegten Feldern aus, im Talkessel umrahmt von grün-grauen Bergen. Dutzende Boote durchqueren die kaum wogende Fläche. Wir treffen auf eine Gruppe Männer mit Spaten und Hacken, sie graben gemächlich vor sich hin, verlegen dann eine Stromleitung entlang des Weges. Schließlich rasten wir an einem kleinen Laden, dessen Front gesäumt ist von bunten Chipstüten, Bonbons und Plastik-Eimern, in denen weitere Leckereien liegen. Vom einzeln präsentierten westlichen Schokoriegel sehen wir ab, eine staubige Patina ziert seine Verpackung - er hat wohl schon mehrere Male den Schmelzprozess durchlaufen. 

Kinder in Nepal. Foto: Wolfgang Bürkle
 

Ein paar Jungs frönen dem populären Hobby Carrom - sie stehen um eine viereckige verzierte Holzplatte herum, die auf einen Tisch gelegt ist, und schnippen über die Fläche ein paar bunte Steinchen, die dann hoffentlich in den Randlöchern verschwinden. Ein bisschen so wie Billard im Kleinformat. Ich schieße ein paar Bilder und gehe um den kleinen Laden herum, hinter dem der große "Fischschwanz" erhaben in der Sonne funkelt. Neugierig folgen einige der Jungs und beobachteten mich beim weiteren Fotografieren der Hänge, an denen die hölzernen Bauten wie kleine Bienenstöcke kleben. Doch von vermeintlich langweiligen Landschaften halten die Jungs nichts: Ruckzuck schubsen sie sich gegenseitig vor meine Linse, nur um danach ihre Posen auf meinem kleinen Kamera-Display zu begutachten. Ich verstehe zwar kein Wort von dem, was sie begeistert plappern, aber die Kommunikation läuft trotzdem zweckmäßig. Ich gehe wieder zurück zum Weg und hole die anderen ein, die schon ein paar Meter vorangelaufen sind. 


Nach ein paar Stunden erreichen wir das Hill Top Restaurant am Ende des Sarangkot, direkt über Pokhara - wir sehen auf der anderen Seite des Sees die Stupa des Weltfriedens, zudem eine Handvoll Paraglider, die sich den Hang hinabstürzen und dann lautlos erhaben durch die Lüfte gleiten. Statt gleiten stolpern wir eher den Weg herunter in die Stadt; die Oberschenkel brennen und die Knie zittern beim langen Abstieg. Ein wenig von der Anstrengung, viel mehr jedoch von der Demut im Schein des grenzenlosen Lichts der Sonne, in dem wir wie der Buddha auf dem Machapucharé strahlen.

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Besucht im März 2010.

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