Oman - Ein Schwätzchen in Misfah

17.02.2013 20:04

 

Interessiert schauen die beiden alten bärtigen Männer uns an. Wahrscheinlich finden sie uns genauso interessant, wie wir sie - wie sie so da sitzen, mit ihren Turbanen auf den Köpfen und den Stöcken in den Händen. Klar, andere Leute mit Turbanen sehen die Beiden jeden Tag, aber Deutsche mit bunten Klamotten, Sonnenbrillen und Digitalkameras, die, wenn überhaupt, nur gebrochen arabisch sprechen, sind schon eine Kuriosität. Denn nicht jeden Tag kommen Menschen aus einem anderen Land nach Misfah, in ihre kleine Stadt am Berg, im Norden des Oman, unweit des Jebel Shams, dem höchsten Berg des Sultanats mit rund 3000 Metern Höhe. Die beiden Alten haben sich zum Sitzen und Schwatzen einen kleinen Vorhof in einer der engen Gassen ausgesucht. Hier ist Schatten, hier weht ein leichter Wind, hier ist von den über 30 Grad Celsius unter der stechenden Sonne wenig zu spüren. In ihren weiten Gewändern macht ihnen die Hitze nur wenig aus.

Senioren im Oman. Foto: Wolfgang Bürkle

Über 400 Jahre alt ist Misfah, das am Rand eines fruchtbaren Wadis liegt und durchzogen ist von kunstvoll angelegten Wasserkanälen, die die kleinen Felder am Berghang ebenso mit dem wertvollen Nass versorgen, wie die Menschen mit Brauchwasser. Hinter den beiden Alten, die es sich auf einer Mauer gemütlich gemacht und ihre Ledersandalen abgestreift haben, geht es steil nach unten ins Tal, der Blick richtet sich auf hunderte haushohe Dattelpalmen, die dort wachsen. Ob wir sie fotografieren dürfen, fragen wir die alten Männer. Sie nicken freundlich, lächeln ein wenig in die Kameras. Moderne Technik ist den beiden bekannt, sagen sie daraufhin, ihre Kinder und Enkel haben auch schon Handys, mit denen sie Fotos schießen, Musik hören oder sogar telefonieren. Für jedes Bild halten sie still, wir bedanken uns, sagen "Shukran", sie lächeln zurück und sagen "Afwan". 

Für die Beiden ist es verwunderlich, dass Menschen ausgerechnet von so weit her in ihr kleines Dörfchen kommen, viel schönere Plätze gäbe es auf der Welt, auch wenn sie selbst es nie weiter als bis Nizwa oder höchstens Maskat verschlagen hat. Aber sie sind den Anblick der verwinkelten Gassen gewohnt, der kunstvoll nebeneinander oder aufeinander gebauten Häuschen, bei denen man von außen nicht immer erkennen kann, wo das eine beginnt, oder das andere aufhört, welches arme und welches reiche Familien beherbergt. Als sie hören, dass wir aus Deutschland kommen, reagieren sie so, wie die meisten anderen im Oman, denen wir begegnen, und loben unsere Fußballteams. "Ballack" rufen sie und lachen, klingt doch der Name des Kickers so, wie ein arabisches Wort. "Balek" rufen etwa die Eseltreiber, die mit ihren Tieren durch die engen Gassen manövrieren, also "Vorsicht".

Und was machen die beiden Männer so den ganzen Tag? "Die Geschichte am Leben halten", sagen sie. Erzählen, erinnern, Anekdoten sammeln und mündlich wieder verbreiten, arbeiten müssen sie ja in ihrem Alter nicht mehr, dafür haben sie genügend Kinder in die Welt gesetzt. Aufgeschrieben wird nichts, der Erzähler ist das Geschichtsbuch der Region, aber das Fernsehen läuft ihm zunehmend den Rang ab. Früher waren die beiden Kamelzüchter, Dattelverkäufer, Maurer und vieles mehr, keine Spezialisten, sondern Allrounder, die das Leben nahmen, wie es kam. Heute leben sie von dem früher erwirtschafteten und von den Leistung ihrer Nachfahren, die arbeiten und sich um sie kümmern. Abends sitzen sie mit anderen Freunden zusammen, rauchen Wasserpfeife, trinken süßen Tee und tauschen sich aus, erleben und gestalten mit ihren Worten die Geschichte um sie herum. 

Globale Politik interessiert sie dabei wenig, zu weit weg ist der Rest der Welt. Was zählt, ist das, was vor Ort passiert, was die Menschen unmittelbar kümmert. An diesem Abend werden wir Bestandteil des Austausches sein, die verrückten Deutschen, die tausende Kilometer fahren, um ein paar Wasserkanäle, Palmen und verfallene Häuser mit Eseln davor zu besichtigen. Nach unserer kurzen Begegnung werden sich die beiden Alten unsere merkwürdige Kleidung, unsere verworrene Sprache einprägen, um ihre Erzählungen lebhaft zu gestalten, vielleicht übertreiben sie dabei ein wenig, karikieren unseren Habitus. Begegnungen wie diese werden zu Geschichte. Und wir verabschieden uns nach wenigen Minuten Bekanntschaft, ziehen weiter mit interessanten Eindrücken und lassen vermutlich viel eindrücklichere Erinnerungen zurück.

Besucht im März 2009.

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