Peru - Liebesbrief an Machu Picchu

29.07.2014 14:34

Du bist so wunderschön, wie du da so liegst, auf diesem Berg, zwischen noch höheren heiligen Gipfeln, am Ende eines Tals. Wenn die Sonne dich am frühen Morgen aufweckt, die Lichtstrahlen die Wolken durchdringen, sich in den Tautropfen auf dem feuchtem Gras einfangen lassen. Ach Machu Picchu, deine Schöpfer waren schlau, so einen Ort für dich zu suchen. Die Spanier kamen nicht auf deine Spur, konnten dich nicht zerstören. Du hast friedlich geschlummert, nahezu ungestört, bis Hiram Bingham dich vor gut einhundert Jahren berühmt mache.

Machu Picchu, Peru. Foto: Wolfgang Bürkle

Doch damit war dein friedlicher Schlaf beendet. Tausende Menschen pilgern jetzt jeden Tag zu dir, wollen dich betatschen, auf dir rumtrampeln. Sie schreien "Get out of the picture", wenn man ihnen für das 347. Foto im Weg steht. Sie wollen dich ganz alleine haben, niemanden der ihnen im Weg steht, niemand, der sie davon abhält, die Absperrungen zu umgehen. Ich nehme mich da nicht aus. Gerne würde ich ungestört stundenlang da sitzen, auf einer Terrasse neben dem Haus des Wächters, deinen Aufbau studieren, deine Mauern streicheln und sehen, wie die Sonne über den Himmel wandert, dir immer neue Schatten gibt. Aber nein, niemand bleibt hier lange alleine. Und ich habe nur einen guten halben Tag, um möglichst viel von dir zu erkunden.

Du weist ja, wie man die Menschen bezirzen kann. Sie kommen nicht nur zu dir, weil du wunderschön bist, sondern weil sie deine Energie aufnehmen wollen. Sie tanzen auf dir, beten auf dir, wollen sich in deinen Mauern in Trance versetzen. Schamanen, Esoteriker, Astrologen sehen in dir einen gewaltigen Kraftpunkt. Sie tragen Kristalle um den Hals, hören auf ihre New-Age-Prediger und blenden gekonnt aus, dass es keinerlei Beweise für irgendeinen mystischen Zusammenhang mit deiner Existenz gibt. Einige behaupten, Außerirdische würden deinen Energievortex beschützen. Sie interpretieren wohl ihre Bewunderung für deinen Liebreiz als imaginäre Kraftquelle. Man weiß bis heute nicht genau, warum du geschaffen wurdest - manche munkeln, du seist ein Lustort des höchsten Inka gewesen, mit vielen willigen Damen. Aber du verrätst uns dein Geheimnis ja nicht. Bleibst lieber ruhig und lässt die Sinnsucher genauso über dich ergehen, wie die Hippies, die Explorer und die Schlaumeier. 

Machu Picchu, Peru. Foto: Wolfgang Bürkle

Ich halte mich lieber an das, was ich mit eigenen Augen sehe. Dennoch machst du es mir es bisschen schwer, dich intensiv und von allen Seiten zu genießen. Versteh mich nicht falsch: Es war kein Fehler, den steilen Gipfel des Huayna Picchu zu erklimmen, von dem ich einen wunderbaren Blick auf dich hatte. Aber die gut 400 Höhenmeter über kleine, große, krumme und viele Treppenstufen waren kein Vergnügen. Und im Sinne des esoterischen Glaubens auch eher kraftraubend als energiespendend. Aber ich beklage mich nicht: Die zuckersüßen Lamas, die einem öfters den Weg versperren, einen dann aber treudoof anschauen, bevor sie weiter marschieren, machen jede Anstrengung wieder wett. Vom Ausblick am höchsten Punkt ganz zu schweigen.

Machu Picchu, Peru. Foto: Wolfgang Bürkle

Deine Terrassen strahlen eine wundervolle Eleganz aus, deine verwinkelten engen Gassen mit den fugenlosen Steinmauern zeugen von architektonischer Brillanz. Auf tausenden Fotos habe ich dich schon gesehen, stellte mir immer wieder die Frage, ob du wirklich genauso majestätisch bist, wie das Idealbild, das in meinem Kopf aus zahllosen Fragmenten entstand. Die Antwort ist deutlich: Denn natürlich bist du noch viel anmutiger, viel beeindruckender, als es jede Beschreibung vermitteln könnte. Ach Machu Picchu, du bist so wunderschön und unsere gemeinsame Zeit nur so kurz. Aber vielleicht sehen wir uns ja mal wieder. 

Ein Lama und ich in Machu Picchu, Peru. Foto: Wolfgang Bürkle

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