Turkmenistan - die bombastische Hauptstadt Ashgabat

28.06.2013 12:06

Hauptsache im Guinness Buch. 

Die Kameras sind überall. An den Straßenkreuzungen, im Museum, im Flughafen und auf dem Russenbasar. In Ashgabat, der megalomanischen Hauptstadt Turkmenistans, bleibt man selten unbeobachtet. Eine gewisse Paranoia ist unverkennbar. Auf den großen Märkten der Stadt dauert es nie lange, bis irgendein Halboffizieller unsere Gruppe zur Rede stellt und fragt, was wir hier machen, ob wir ein Regierungsschreiben dabei haben oder sonst irgendeine Erlaubnis. Auf dem Russenmarkt etwa treten drei Männer zu uns und weisen darauf hin, dass wir keine Fotos vom Obst machen dürfen. Als unsere durchaus schlagfertige turkmenische Reiseleiterin einen Ausweis von den Männern fordert, weisen diese ab, gibt’s nicht, geht sie nix an. Sie diskutiert noch etwas mit ihnen, wir gehen dann weiter. „Idioten“, sagt sie kurz darauf über die Männer - in der vergangenen Woche sagte niemand etwas dazu, als jemand Fotos machte. „Das ist KGB“, ergänzt sie noch und wir wissen nicht so genau, wie ernst sie diese Aussage meint. Ihre Abneigungen gegen den Kontrollstaat sind groß. 

In Deutsch kann sie aber relativ offen mit uns reden, erzählt uns von inoffiziellen 60 Prozent Arbeitslosigkeit im Land, von der problematischen Wasserversorgung außerhalb der Hauptstadt, vom Größenwahn des aktuellen und des vorherigen Präsidenten und den Straßen, die nur in Ashgabat übertrieben breit und eben sind, im Rest des unabhängigen Landes aber holprige Löcherpisten darstellen. Die Straße von Ashgabat zur Weltkulturerbe-Stadt Mary, gut 360 Kilometer lang, etwa wird zwar gerade saniert, wir brauchen mit dem Bus dennoch acht Stunden.

Hochhäuser aus Marmor in Ashgabat, Turkmenistan. Foto: Wolfgang Bürkle

Die Reiseleiterin zeigt uns den verschwenderischen Luxus von Ashgabat: die riesigen weißen Marmorhochhäuser (über 540 Stück, allerdings nur in Teilen bewohnt) entlang der schön bepflanzten Boulevards, 50.000 Euro teure Bushaltestellen mit Klimaanlage und Wifi, die pompösen Paläste der Ministerien und die einfach atemberaubenden Brunnen und Denkmäler in der Innenstadt - uns bleiben die Münder vor Staunen offen stehen. „Und deswegen stehen wir auch im Guinness Buch der Rekorde“, betont sie allerdings mit einem sarkastischen Unterton, denn dann erzählt sie von der Sperrstunde um 23 Uhr, von der korrupten Postenschieberei in Ministerien und von den staatlichen Fernsehsendern, die nur Folkloretanz und Musik zeigen, keine kritische politische Berichterstattung zulassen. Die Zeitungen und Magazine sind Werbeblättchen für das Regime, unkritisch, staatlich kontrolliert - bei der Pressefreiheit bildet das Land mit Nordkorea und Eritrea ein Schlusslicht auf der Liste von "Reporter ohne Grenzen". Dafür haben die Bürger überall riesige Satellitenschüsseln auf den Dächern, die Sender aus dem Ausland übertragen - selbst wenn der 2006 verstorbene Präsident Saparmyrat Nyyazow (auch Turkmenbaschi genannt) diese verbieten lassen wollte. 

Überall lächelt einem nun der aktuelle Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow zu, sei es in der Hotellobby, am Straßenrand auf riesigen Bildschirmen, auf den Publikationen des Staates oder überlebensgroß auf einem handgeknüpften Teppich im Museum – dort wird auch von grandiosen Erfolgen des Präsidenten in Wirtschaft, Medizin, Bildung und so weiter "berichtet", alles zum Wohle der Turkmenen selbstverständlich. Ein Alleskönner ist er natürlich, der mal vom Pferd herunterlächelt (oder bei einem Rennen herunterfällt, was aber vertuscht werden sollte), dann zwischen Schulmädchen in traditioneller Tracht steht oder den Präsidenten anderer Länder wohlwollend die Hand schüttelt. Die Selbstbeweihräucherung schmeckt vielen nicht, man darf die Kritik aber nicht äußern. „Der Präsident betont immer wieder die Neutralität unseres Landes, dabei wird aber nie gesagt, zu was wir neutral sind“, lästert unsere Reiseführerin.

Denkmal in Ashgabat, Turkmenistan. Foto: Wolfgang Bürkle

Berdimuhamedow sieht sich als Beschützer seines Volkes, lebt aber wie ein König abgeschirmt in den Bergen, lässt die Straßen für seinen Fahrzeugtross täglich umfassend sperren und mag es nicht, wenn man die drei goldbedeckten Kuppeln seines Regierungspalastes fotografieren will. Seine Familie, über die man kaum etwas weiß, lebt wohl in London oder in der Schweiz. Oppositionspolitiker haben in Turkmenistan praktisch keine Chance, viele Leben im Exil, wenn sie nicht gerade im Gefängnis sitzen. Zwar dürfen sich seit 2008 Oppositionsparteien bilden, gegen die Allmacht der Demokratischen Partei Turkmenistans haben sie aber keine Chance oder werden einfach gleich verboten.

Dennoch legt der Präsident Wert auf internationalen Handel und eine mehr oder weniger zufriedene Bevölkerung: Kein Wunder, denn der Reichtum des Landes stammt von Gas und Erdöl. Der Liter Benzin kostet umgerechnet knapp 20 Cent. Strom, Gas und Wasser bekommen die gut fünf Millionen Einwohner quasi umsonst. Wer das Geld für ein Auto hat, bekommt vom Staat gleich 400 Liter Benzin gratis dazu. Coca-Cola gibt es überall und mit Mercedes-Benz bestehen gute Verbindungen - so ließ Daimler sogar das Buch "Ruhnama" von Turkmenbaschi ins Deutsche übersetzen, einst Pflichtlektüre für jeden Turkmenen mit kruden historischen Abrissen, Lobpreisungen und Verhaltensregeln für das Volk. Die Bauarbeiter und Architekten für die bombastischen Marmorhochhäuser kommen allerdings aus der Türkei, denn durch die mangelnde Bildungspolitik seit dem Zerfall der Sowjetunion sind so einige Berufe in Turkmenistan Mangelware. Derzeit werden sogar ein Sieben-Sterne-Hotel und ein olympisches Dorf mit Sportanlagen für die Asian Indoor Games 2017 gebaut.  

Gebäude in Ashgabat, Turkmenistan. Foto: Wolfgang Bürkle

Nicht kleckern, sondern klotzen heißt es auch bei den Teppichen - einige der weltweit größten Exemplare sind in Ashgabat zu finden, darunter ein 300 Quadratmeter großer handgeknüpfter Teppich namens Altyn Asyr, der im Nationalmuseum hängt. Auch die hohe Anzahl der Springbrunnen ist im Guinness Buch vermerkt, überall spritzen Fontänen in den Himmel und rinnen kleine Wasserfälle an Wänden herab. Dabei liegen die Tagestemperaturen im Sommer bei gut 40 Grad und das Land besteht zu 85 Prozent aus Wüste. Dann gibt es da noch einen der höchsten freistehenden Fahnenmasten der Welt, das größte Indoor-Riesenrad der Welt und den größten architektonischen Stern an einem Gebäude, nämlich an der Fernseh-Station, wunderschön an einem Berghang gelegen. 

Und eines der beeindruckendsten Denkmäler rund um die Hauptstadt ist die Kiptschak-Moschee, eine der größten Moscheen Zentralasiens, die Turkmenbaschi quasi für sich selbst baute, mit angeschlossenem Mausoleum für sich, seine Eltern und Brüder. Knapp 100 Millionen Euro teuer, Platz für 30.000 Menschen, die Kuppeln mit 3 Millimeter dicken Goldplättchen verziert. Allerdings bleibt die Moschee, die ziemlich weit außerhalb liegt, fast immer leer. Sie ist kein Ort des beschaulichen Glaubens, eher des absurden Protzes. Und auch hier ist Fotografieren nur von außen mit Einschränkungen erlaubt. Dafür haben uns die Wachmänner und Kameras immer im Blick.  

Die Kiptschak-Moschee nahe Ashgabat, Turkmenistan. Foto: Wolfgang Bürkle

Besucht im Juni 2013.

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