Vietnam - Taifun-Stimmung in Hue

13.11.2013 16:26

Hue, 10. November 2013.

Die Wolkendecke über Hue ist dicht und dunkelgrau. Eigentlich nichts besonderes hier in der Stadt in der Mitte von Vietnam, so kurz nach der Regenzeit. Doch die Lautsprecher, die vielerorts in der Stadt angebracht sind, tönen ungewöhnlich laut und häufig. Mingh, unser Guide, sagt, dass die Stimme, die sich mit der Nationalhymne abwechselt, vor dem herannahenden Taifun warnt. Haiyan ist der stärkste Taifun seit langem. Mit über 300 Stundenkilometern fegte er am Vortag über die Philippinen hinweg, zerstörte unzählige Häuser und tötete tausende Menschen. Jetzt ist er auf dem Weg zu uns, durch das südchinesische Meer. 

An der Zitadelle in Hue, Vietnam. Foto: Wolfgang Bürkle


Niemand weiß genau, wie stark er Vietnam treffen wird und wie genau sein Verlauf in diesen Stunden sein wird. Deswegen die Warnungen über die Lautsprecher. Mingh rät uns am Morgen, wir sollten uns nicht weiter als 500 Meter vom Hotel entfernen, viele Läden und Restaurant haben sowieso geschlossen, die Sehenswürdigkeiten auch. Im TV schalten wir CNN ein, sehen Bilder von den Trümmern in der Stadt Tacloban und die Voraussagen über die zu erwartenden Geschwindigkeiten. Der Taifun soll schwächer werden, so viel ist klar, wir atmen ein wenig auf.


Draußen regnet es - mehr oder weniger konstant, nicht übermäßig stark. Sieht nicht bedrohlich aus. Ich schnappe nach dem Frühstück meinen Hut und gehe raus. Die Straßen in Hue sind jedenfalls nicht leer. Mopeds sind unterwegs, die Fahrer in bunte Regencapes gehüllt, sie brettern unaufhaltsam durch die Pfützen. Auch Taxis hupen mir manchmal hinterher. Zwar haben die meisten Geschäfte in der Tat geschlossen, manche locken ihre Kunden aber auch bewusst mit "Hot Drinks", Nudelsuppe oder großen Fernsehern an, auf denen Soaps oder Sport läuft. Von Katastrophenstimmung keine Spur. Auf einigen Dächern liegen Sandsäcke - als einzig sichtbare Vorsichtsmaßnahme vor dem Wegfliegen von Ziegeln. 


Das Wasser des breiten Parfüm-Flusses ist eine moccafarbene Brühe. Eigentlich wollten wir heute hier eine Bootstour machen - aber kein Schiff ist unterwegs, alles ist am Ufer fest vertaut, auch an der Strandpromenade ist nichts los. Beim Metzger allerdings ist eine kleine Menschentraube vor den dicken Fleischstücken zu sehen, ein junger Mann fährt rasant hupend mit seinem Sportwagen vorbei. Zwei Stunden latsche ich draußen rum. Mal werden Regen und Wind stärker, dann wieder schwächer. Wäre es nicht so schwül, könnte es auch ein Herbstregen in Deutschland sein.

Sturm in Hue, Vietnam. Foto: Wolfgang Bürkle


Ich gehe zurück ins Hotel, mache wieder den Fernseher an. Am späten Vormittag fängt es richtig an zu prasseln. Die Vorhersagen werden genauer: Haiyan zieht weiter nach Norden, streift unsere Region wohl nur geringfügig, wird zunehmend schwächer. Dennoch: Abwarten ist angesagt. Schlafen, TV schauen, lesen. Am späten Nachmittag lässt der Regen nach. Mal nachschauen, raus gehen, mit dem Taxi in den großen Supermarkt. Auf dem Rückweg in Sandalen sehe ich, wie die Arbeiter vom städtischen Bauhof heruntergefallene Äste aufsammeln. Das Regenwasser steht noch auf den Straßen, ein Tanz um die Pfützen. Der Taifun ist abgedreht, hat Hue nur im Vorbeiziehen gegrüßt.


Am nächsten Tag ist hier strahlender Sonnenschein, über 30 Grad, kein Wind geht. Die Sandsäcke liegen noch auf den Dächern, Blätter und Müll sind beseitigt. In der vietnamesischen Zeitung lese ich auf der Titelseite, dass es ein paar Tote in Küstennähe gegeben hat - sie wurden zumeist von ihren Hütten heruntergeweht, als sie deren Dächer sichern wollten. Im Norden Vietnams kommt der zerstörerische Taifun nur als normales Unwetter an. Ich grüble über die ungleiche Verteilung des Unwetters nach, mit der sich die Vietnamen scheinbar zügig abfinden. Wir fahren weiter in den heißen Süden.

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