Von Erdöl, Feuer und Lammspießen: In Baku, Aserbaidschan

05.10.2017 11:05

In Baku, Aserbaidschan. Foto: Wolfgang Bürkle

Die Geschichte von Baku ist die Geschichte der Erdölförderung. Denn ohne das "schwarze Gold" wäre die Hauptstadt von Aserbaidschan vermutlich nicht die prunkvolle Metropole, als die sie sich heute zeigt. Das Erdöl hat die Stadt und auch das Land reich gemacht. Noch heute werkeln rings um Baku hunderte Tiefpumpen, unermüdlich wippen sie auf und ab, viele schon seit Jahrzehnten. Ende des 19. Jahrhunderts begann hier der Ölboom - und noch heute sind die Paläste und Villen der Ölbarone, darunter Nobels und Rothschilds, rund um die alte Stadtmauer der historischen Altstadt zu sehen. Was das Gold für Klondike war, ist das Öl für den Kaukasus-Staat. 

Feuertempel in Baku, Aserbaidschan. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Der Boden um Baku ist regelrecht explosiv: im Südwesten der Stadt gibt es Schlammvulkane, aus denen übelriechende Luft mit furzenden Tönen entweicht. Im Osten liegt der Ateschgah-Feuertempel, in dem über Jahrhunderte hinweg "ewige Feuer" brannten - hier strömte bis zur beginnenden Öl- und Gasförderung natürliches Erdgas aus dem Boden, was bei Anhängern des Zoroastrismus und des Hinduismus nachhaltig Eindruck hinterließ. Sie bauten einen Tempel drum und verehrten das heilige Land . Dass die Aserbaidschaner für ihre Bodenschätze brennen, zeigen auch seit wenigen Jahren die Flame Towers in Baku - drei topmoderne Hochhäuser in Flammenform, deren Fassaden nachts von tausenden LEDs erhellt werden, dabei züngelnde Flammen und auch die Staatsfarben abbilden. 
 
Flame Towers in Baku, Aserbaidschan. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Baku präsentiert sich als irgendwie nette Stadt. Die historische Altstadt, seit dem Jahr 2000 Unesco-Weltkulturerbe, wurde kräftig (aber nicht immer originalgetreu) renoviert und lockt vor allem zahlungskräftige Touristen an, die in den überteuerten Restaurants und Souvenirläden einen Hauch künstlicher Orientalik erleben. Verwinkelte Gassen, alte Moscheen und Paläste präsentieren sich fast wie neu - nach einem schweren Erdbeben 2000 drückte man wohl bei der Sanierung ein paar Augen zu. Rings um die dicken Mauern der Altstadt versprühen die historischen Ölbaron-Villen Glanz und Gloria. Dreigeteilt ist Baku: neben der Altstadt gibt es die Gründerzeitstadt und die sowjetische Stadt - jeweils mit eigener Geschichte und bestimmten charakteristischen Bauten. Die alten Plattenbauten weichen jedoch zunehmend strahlenden Glasfronten. Petro-Dollars lassen den Größenwahn hier noch nicht ganz so groß ausfallen, wie etwa in Dubai. Dennoch lassen einige Gebäude, darunter das Teppichmuseum oder das Zeydar-Aliyev-Kulturzentrum, darauf schließen, dass man gerne protzt. 
 
In Baku, Aserbaidschan. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Bei meinem Besuch stehen noch die Absperrungen des Formel-1-Rennens, das mitten durch die Stadt führte. Rund um den großen Platz der Springbrunnen gehe ich an den Fastfood-Tempeln des Westens vorbei, es gibt auch deutsche Bratwurst, Döner und Pizza. Die großen Shopping-Ketten der Welt haben sich hier mittlerweile niedergelassen. Abends ist die City voll, es wird gebummelt und geshoppt - die Frauen rennen in kurzen Shorts und luftigen Kleidchen herum, als sei der Islam auf der Straße nicht erwünscht. An der Strandpromenade genießt man das ruhigere Leben inmitten von Grünanlagen - und wenn nicht dieser Ölfilm auf dem Wasser wäre, könnte man auch getrost im Kaspischen Meer baden gehen. Stattdessen schimmert die ganze Oberfläche im typischen regenbogenfarbigen Glanz des Öls, auch noch hunderte Meter von der Promenade entfernt. 
 
In Baku, Aserbaidschan. Foto: Wolfgang Bürkle
 
Das einzige Öl, das mich während meines Aufenthalts interessiert, tropft von einem Lammspieß. Ich sitze mit weiteren Reisenden im Keller eines urigen Restaurants abseits von Shopping-Zone. Oben vor der Treppe wird der Grill angeheizt, im schummrigen Licht brummt die Klimaanlage, aus einer Musikanlage dudelt arabisch klingender Pop, hinter Vorhängen sitzen mauschelnde Geschäftsleute. Mit deutenden Händen und Tierlauten hatten wir irgendwas beim Kellner bestellt, was hoffentlich der traditionellen Küche entspricht. Schließlich landet erst Bier auf unserem Tisch, dann diverse Vorspeisen wie Chilischoten und Tomaten. Irgendwann kommen dampfende Spieße, schön fettig und würzig. Ein Leckerbissen und eine gute Abwechslung zum westlichen Burger-Pizza-Einheitsbrei in der Fußgängerzone. Dieses traditionell einfache Essen muss man im Zentrum von Baku allerdings immer mehr suchen, fast wie eine Stecknadel im Heuhaufen. Denn Baku ist anders als der Rest des Landes - eine schillernde, europäisch orientierte Metropole umgeben von armen Landstrichen, in denen es außer der Landwirtschaft kaum etwas zu arbeiten gibt. 
 
In Baku, Aserbaidschan. Foto: Wolfgang Bürkle

Die Menschenrechtslage in Aserbaidschan lässt deutlich zu wünschen übrig: Oppositionelle werden verhaftet, Wahlen systematisch manipuliert, freie Medien unterdrückt und die Herrscherfamilie sammelt immer mehr Macht an - so hat unter anderem erst vor wenigen Monaten Präsident Alijew seine Frau zu seiner Stellvertreterin ernannt; ein Amt, das es vorher gar nicht gab. Wer allerdings nur wenige Tage im Land verbringt, bekommt von den politischen Querelen nur wenig mit. Solange das Erdöl fließt, bröckelt die glitzernde Fassade nicht. Der Tourismus nimmt zu, auch dank des European Song Contests 2012, der die Stadt wirksam ins Licht der Öffentlichkeit rückte. Nach wenigen Tagen in Baku bin ich froh, die Stadt zu verlassen - so richtig in ihren Bann gezogen hat sie mich noch nicht. 
 
In Baku, Aserbaidschan. Foto: Wolfgang Bürkle
 
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