Gestrandet in Gochang: Allein an Südkoreas Dolmen-Welterbe

22.05.2026 16:30

In Gochang, Südkorea. Foto: WanderWithWolf

Ich bin genervt. Der ganze Tag war schon irgendwie merkwürdig. Und jetzt stehe ich hier allein am Kreisel vor dem UNESCO-Welterbe-Gelände von Gochang und bekomme einfach kein Uber. Ratlos tippe ich auf dem Handy, schaue mich immer mal um. Keine Menschenseele in der Nähe. Die Sonne geht in gut 60 Minuten unter, bis zu meinem Hotel sind es knapp 9 Kilometer. „No drivers are available right now“, sagt mir Uber, selbst nach mehreren Versuchen. Bisher war in den großen Städten Südkoreas auf Uber immer verlass. Auch die Naver-App, hier in Südkorea wichtig für Verkehrsverbindungen, ist keine Hilfe, denn die zeigt an, dass der nächste öffentliche Bus hier erst morgen früh fährt. Da ist mir definitiv zu spät.

In Gochang, Südkorea. Foto: WanderWithWolf

Ich warte zehn Minuten, schlendere am Eingang des Geländes entlang, schaue auf die geschlossenen Buden und auf die Aushänge, die ich mangels Sprachkenntnissen auch nur per App entziffern kann. Dann probiere ich es nochmal bei Uber. Erfolglos. Wo sind die Taxis, wenn man sie braucht? Ich bin ja hier auch nicht im Nirgendwo, sondern an einer bedeutenden Welterbe-Stätte mit uralten Dolmengräbern. Eine Siedlung ist zumindest zu sehen. Ich laufe also einfach mal los, das bin ich in Südkorea ja gewohnt. Im Schnitt mache ich hier während meiner Reise 17.000 Schritte täglich. Heute bin ich da aber auch schon drüber.

In Gochang, Südkorea. Foto: WanderWithWolf

Am Morgen war ich von der Insel Jeju, dem „Hawaii“ Koreas, losgeflogen, in die Kia-Metropole Gwangju, hatte dann einen günstigen Überlandbus nach Gochang genommen. Schnell wurde mir dann klar, dass mein zuvor gebuchtes Hotel in einem östlichen Vorort lag, die Gochang-Welterbestätte aber weit im Westen. Bei meiner Vorbereitung hatte ich mich auf Google Maps verlassen, welches mein Hotel noch in der Stadtmitte verortet hatte. Egal, dachte ich noch, eine Uber-Fahrt ist in Südkorea nicht teuer, der ÖPNV eigentlich auch gut ausgebaut. Und hey, eine so bedeutende Welterbe-Stätte mit weit über hundert Dolmen wird doch sicherlich viele Menschen anlocken – mit entsprechender Infrastruktur. Falsch gedacht.

In Gochang, Südkorea. Foto: WanderWithWolf

Denn jetzt muss ich laufen – von Menschenmassen ist nichts zu sehen. Ist vielleicht auch die falsche Jahreszeit. Los geht’s, die große Zufahrtsstraße entlang, wo derzeit viel gebaut wird. Man hofft wohl auf mehr Touristen; ich bin scheinbar ein paar Jahre zu früh nach Gochang gereist. Obwohl die Dolmenstätte hier seit dem Jahr 2000 auf der UNESCO-Liste steht. Bauarbeiter sind zwar in der Ferne erkennbar, allerdings schwer beschäftigt. Links von mir geht es einen Hügel rauf, auf einem Schild wird auf einen weiteren Dolmen hingewiesen, irgendwo da oben. Ich bleibe an der Straße, keine Experimente jetzt erstmal.

In Gochang, Südkorea. Foto: WanderWithWolf

Es waren die Dolmen, die mich hierhergebracht hatten. Also eigentlich ein Uber vor knapp zwei Stunden, als hier zumindest noch vereinzelt Besucher unterwegs waren. Vielleicht bin ich zehn Menschen während meines Aufenthalts hier begegnet, darunter einem greisen Radfahrer, der mich neugierig überholte und dabei fast vom Rad fiel, zwei Joggern und einem europäisch wirkenden älteren Paar, das mit seinem Mietwagen aber nun auch schon weg war.

In Gochang, Südkorea. Foto: WanderWithWolf

Dabei wollte ich doch nur bedeutende „alte Steine“ gucken: Laut der offiziellen Tourismusseite bildet die prähistorische Dolmenstätte Gochang mit 447 Dolmen die größte und vielfältigste Fundstätte von Dolmen in Korea. Einige der Steine wiegen über 300 Tonnen. Natürlich sieht das grandios aus, wenn die riesigen Steine an dem Hang von der untergehenden Sonne angestrahlt werden. Wenn man versucht zu verstehen, wie vor Tausenden von Jahren Menschen mit einfachsten Methoden diese gewaltigen Felsen durch die Landschaft gekarrt haben mussten. Die Fundstätte präsentiert sich heute auch recht schön: ausgebaute Wege, Bänke, gestutzte Bäume, ein paar offene Pavillons – und sogar ein neues Erlebnisdorf. Aber blöderweise alles gerade verwaist, außer den paar Gänsen an einem Teich. Eigentlich eine wunderbare Sightseeing-Gelegenheit.

In Gochang, Südkorea. Foto: WanderWithWolf

Ich laufe an der Straße entlang. An der nächsten großen Kreuzung werfe ich wieder die Uber-App an. Kein Erfolg. Also weiter zu Fuß. Ich komme am UNESCO-Research-Center mit leerem Parkplatz vorbei. Ein freilaufender Hund schreckt auf, beäugt mich aus sicherer Entfernung und verzieht sich dann in den angrenzenden Wald. Die Tankstelle etwas weiter die Straße runter ist auch schon geschlossen. Mist, hier hatte ich noch auf Infos, Unterstützung oder auf einen warmen Kaffee gehofft. Gegenüber ist ein riesiges Universitätsgelände, von Zäunen und Bäumen umgeben. Es sind auch nur noch etwa 30 Minuten bis zum Sonnenuntergang und mir wird bange, wenn ich hier im Dunkeln weiterlaufen muss. Denn mittlerweile gibt es an der Straße Richtung Gochangs Innenstadt auch keinen richtigen Fußweg mehr, von Beleuchtung ganz zu schweigen. Ich laufe an Feldern entlang, dann unter einer Straßenbrücke hindurch. Noch drei Kilometer bis zu den Ausläufern der Stadt.

In Gochang, Südkorea. Foto: WanderWithWolf

An einem Bretterverschlag neben einem kargen Feld bellt mich der nächste Hund aufgeregt an. Wenigstens ist er angeleint. Ich blaffe gereizt zurück, ist mir jetzt auch egal, wenn ihn das noch mehr reizt. Die Leine wird schon halten. Zwischenzeitlich fahren auch vereinzelt Autos vorbei, doch in die falsche Richtung. Keiner hält an oder fragt. Selbst Trampen würde hier vermutlich nichts bringen. Ich sehe ein paar ältere Industriegebäude, Licht brennt aber auch hier nicht. Haben denn alle hier schon so früh Feierabend? Laut Google Maps ist das hier eine Reismühle. Internetempfang ist zumindest nirgends in Südkorea ein Problem. Ich probiere wieder die Uber-App aus, bin ja jetzt schon etwas näher an der Stadt. Und tatsächlich: Das erlösende Ping ertönt. Ein Fahrer wird in fünf Minuten da sein. Puh, mir fällt ein Stein vom Herzen. Mitten zwischen Feldern, Baracken und bellenden Hunden holt mich kurz vor der einsetzenden Dunkelheit ein Hyundai ab. Ein warmes Essen und das Hotel im Osten Gochangs warten schon.

In Gochang, Südkorea. Foto: WanderWithWolf

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